Wenn Wein die Seele füttert: 2011 Houillon-Overnoy Chardonnay Arbois Pupillin

2011 Houillon-Overnoy Chardonnay

(NM) Im Englischen gibt es mitunter ganz wunderbare Sprüche und Floskeln, welche ins Deutsche übersetzt einfach nur merkwürdig klingen. „This wine feeds my soul“ – „dieser Wein füttert meine Seele“ klingt im Englischen nach „Balsam für die Seele“, im Deutschen nach Magenknurren im parapsychischen Unterhaus. In der Weinwelt finden sich aber durchaus Weine, die genau dieses Balsam für die Seele sind und diese auch mit dem füttern, was ihr vielleicht bedingt durch Stress oder Trauer abhandengekommen ist. Wein als Stimmungspendel in Richtung Heiterkeit und innerer Zufriedenheit. Und voila, hier ist einer dieser Gattung, zumindest für mich. 2011 Houillon-Overnoy Chardonnay Arbois Pupillin aus dem Jura.

Maison Pierre Overnoy ist bzw. war sowas wie der stille Großmeister des „Vin Naturel“ im Jura bzw. vielleicht neben dem Zappelphilipp Nicolas Joly auch in ganz Frankreich. Als Pierre 1968 von Papa Overnoy die 2,6 Hektar Weinberge in Pupillin – in der Nähe des Dorfes Arbois – übernahm, führe er den Betrieb dort „traditionell“ weiter. Keine Fungizide, Pestizide oder Herbizide, nur Kupfer und Schwefel wurden verwendet. Und davon so wenig wie nötig. Am besten gar kein Schwefel. Während sein Bruder den Obst und Gemüse Teil des Väterlichen Erbes weiterführte, setzte Pierre damals in 1968 unbewusst einen Meilenstein der alternativen Weinbereitung.

Emmanuel Houillon und Pierre Overnoy

Die Tage, Wochen, Monate und Jahren vergingen, Pierre Overnoy wurde älter und weißer und die Weiterführung des Weingutes musste geklärt werden. Ein Junge aus der Nachbarschaft, Emmanuel Houillon, schien da wie von den Engeln geschickt worden zu sein. Als kleiner Junge schon im Betrieb eingebunden, wurde Emmanuel noch während seines Studiums der Önologie fest im Weingut Maison Pierre Overnoy eingebunden. Das war um 1990. 11 Jahre später, im Jahr 2001 zog sich Pierre aus der aktiven Weinbereitung zurück. Seitdem schmückt neben seinem Namen auf den Etiketten noch das von ihm täglich selbst gebackene Brot das verschlafene Weingut in Pupillin. Selbstredend lässt er es sich nicht nehmen noch immer regelmäßig nach dem Rechten zu sehen. Heute verfügt das Anwesen über knapp 7 Hektar Rebfläche. 2,3 Hektar Chardonnay, 2,7 Hektar Pulsard und 2 Hektar Savagnin. Im Schnitt verlassen nur 21.000 Flaschen Wein Jährlich den Hof.

Pupillin

Doch kommen wir nur einmal zu dem Wein hier vor mir im Glas. Es ist der 2011 Houillon-Overnoy Chardonnay Arbois Pupillin. Wobei der Wörtchen Chardonnay nicht auf dem Label zu finden ist. Weiterhin schwierig zu finden sind Information rund um den Wein. Doch vielleicht ist das gar nicht so schlimm. Ich konzentriere mich auf das Endprodukt und nicht die harten Fakten um Ertrag, Ausbau im Gebinde X und Zucker pro Gramm Schwefel. GÄNSEHAUT beschreibt den Wein aus meiner Sicht am besten. Jedes Riechen, Schlürfen und Schmecken ruft konstant und auf Kommando wiederholbar ein Kribbeln von Steißbein bis Nackenhaare ab. Die Stimmung hellt nach dem ersten Schluck von „griesgrämig Grau“ auf „die Sonne schein mir aus dem Arsch“ Hellblau auf. Die Seele schmunzelt, der Gaumen tanzt, der Abend ist gerettet.

Aromen sind in Sachen Wein ja richtig wichtig. Dieser riecht nach folgendem: Belgisches Sauerbier, Zitrus/Kalk/Mineral, etwas Apfelmost, Grapefruit, Senf Saat, ein paar Wiesenkräuter und ganz hinten etwas Honig/Malziges. In der Auflistung vielleicht schräg, als vereintes Aroma eine Wucht. Am Gaumen gibt es pure Energie. Die Säure ist die Bassdrum, die Grapefruit/Zitrus Frucht die HiHat und der feine Gerbstoff der groovende Sub-Bass. Reduktion in den Einzelteilen, aber Maximierung im Effekt. Dieser Wein ist ein lebendiges, treibendes Etwas, welche Körper und Seele zu gleichen Teil packt und mitreist. Solche Weine sind der Grund dafür, warum ich es liebe mich mit diesem Getränk auseinanderzusetzen. Weniger ist mehr, 5 Euro ins Phrasenschwein und 94+ Punkte auf meinem Zettel. Aber nur fürs Protokoll.

Will haben!

Diesen Wein zu bekommen ist gar nicht so einfach. Norbert Ehret von Vinisüd.de verteilt ihn in homöopathischen Mengen an seine Stammkunden. Ihr wollt ihn auch? Dann werdet Stammkunde. Ich meine das ernst. Das spannende Sortiment des Erlangener Weinhändlers lässt dies ohne Probleme zu. Ach so, um die 34€ muss man für so eine Flasche hinlegen. Ein Besuch im Lieblingsclub oder Psychiater kostet aber deutlich mehr. Warum also nicht einmal Wein die Seele glätten lassen…?

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