VDP Grosse Gewächse 2013: Mittelrhein und Rheingau

Kurhaus Wiesbaden - VDP.GROSSE GEWÄCHSE Vorpremiere 2014

(PT) Wiesbaden. Kurhaus Kolonaden. Schluss für heute. Nach dem Verkosten und ausspucken von 115 Rieslingen fühlt sich mein Mund wie frisch gebeizt / gekalkt oder so ähnlich an. Warum? Weil der 2013er Jahrgang Säure hat (und ich steh drauf). Warum 115 Rieslinge? An einem Tag? Weil es hier nicht um „einfache“ Rieslinge geht. Und sich diese Chance nicht jeden Tag beitet. Im Gegenteil. Es geht um die Spitze Deutschlands: Dank dem VDP und Dirk Würtz darf ich dieses Jahr bei der zweitägigen VDP.GROSSE GEWÄCHSE Vorpremiere teilnehmen. Um mich herum die dezimierten Reihen der Verkoster. Nicht wenige sind schon zum Feierabendbier aufgebrochen. Ein leicht weinseeliges Gemurmel umgibt mich und die ausgesprochen zuverlässigen Helfer rennen sich beim Weinservice die Hacken wund. Vor mir ein Prälat Riesling. Der erste Wein, der heute nicht mehr ausgespuckt wird. Das wird mein Feierabend-Reisling – aber erst wenn dieser Artikel veröffentlicht ist.

Kurhaus Kolonaden - VDP.GROSSE GEWÄCHSER Vorpremiere 2014

Grosse Gewächse. VDP: Für manche kryptische Begriffe. Für Weinfans & Winzer schon fast mystisch klingende Ziele. Der VDP – Verein deutscher Prädikatsweingüter (ein Zusammenschluss von ca 200 deutschen Weingütern) sieht sich als qualitative Spitze der deutschen Weinbereitung an. Mit der internen Qualitätphilosophie hat der VDP nach Vorbild der Lagenklassifizierung des Burgunds deutliche Akzente hin zum Spitzenwein definierter Herkunft gesetzt und vielen Winzern (auch „nicht-VDPlern) eine klare Richtung vorgegeben. Ganz nach dem Motto: „Umso enger die Herkunft desto höherwertiger / besser der Wein“ – stimmt das auch in dem anspruchsvollem Jahrgang 2013?

Der erste Tag bestättigt meinen Eindruck von der Mainzer Weinbörse: Der 2013er Jahrgang trennt die Spreu vom Weizen: Winzer die handwerkliche Top-Arbeit im Weinberg geleistet haben, konnten auch spannende, reife Weine erzeugen. Es ist kein Jahrgang für „Blockbuster“- Trinker. Er erinnert an 2008 und 2010. Interessanterweise machen Weine dieser Jahrgänge derzeit richtig Spass (die guten).

Daher muss auch gesagt werden, dass die jetzige Beurteilung nur ein erster Eindruck ist. Wie so oft wird die Zeit zeigen, wohin die Reise gehen wird. So viel sei gesagt: Die guten Qualitäten des 2013ers werden sich wohl über längere Zeit gut entwickeln.

Arbeitsplatz für zwei Tage - VDP.GROSSE GEWÄCHSE Vorpremiere 2014

Mittelrhein

Am Mittelrhein hat Ratzenberger mit zwei völlig unterschiedlichen Weinen die Nase vorn: Der St.Jost wirkt schon beinah schmelzig (trotz des schlanken Jahrgangs) wo hingegen die Wolfshöhle erdig wirkt und mich an Ton und positiv herbe Aromatik/Phenolik erinnert.

Rheingau

Im Rheingau fallen drei Gruppen von Winzern / Weingütern auf:

Die Revoluzer (ja, gerade im Rheingau darf man das sagen) wie Achim von Oettinger und Dirk Würtz bei Ress.

Die großartigen, im besten Sinne leisen Traditionalisten wie August Kesseler, Fred Prinz und Wilhelm Weil.

Die unauffälligen, aber durch und durch soliden Winzer wie Johannishof, Spreitzer und Graf von Kanitz.

Der Lorcher Kapellenberg vom Graf von Kanitz ist ein „crowdpleaser“: Tänzelnd, leicht fruchtig und smooth. Ein ruhiger Wein – viele werden ihn im hastigen Massenverkosten nicht bemerken, aber solo ein Genuß.

Am Rüdesheimer Berg legt Josi Leitz mit seinem klassischen Rottland die Messlatte hoch. Ress kommt dem nahe – jedoch mit einer anderen Herangehensweise: Ein leicht phenolisch wirkender, ausgesprochen eigenständiger Stil, der vielleicht nicht jedem zusagt, dafür Fans von Charakterweinen glücklich macht. Überraschenderweise hat der Rottland vom Johannishof bei der ersten Probe eine sehr starke stilistische Ähnlichkeit zum Ress Rottland – das wird spannend. Und wo wir beim Johannishof sind – die Hölle sollte man im Auge / Glas behalten.

Im Roseneck konnte derzeit nur Kesseler überzeugen: „schlank, würze, stoffigkeit, eleganz, länge, fein, tänzelnd, im besten sinne leise und sehr lang“ waren die ersten Notizen.

Kommen wir nach Oestrich-Winkel. Der St.Nikolaus vom Weingut Spreitzer hat mich gepackt: Erinnerungen an den St.Nikolaus von Kühn wurden geweckt. Wohingegen der Rosengarten der zugängliche, feinfruchtig-blumige Typ ist. Not bad.

Der sympathische Fred Prinz setzt in Hallgarten Maßstäbe. Seine Jungfer zeigt exemplarisch was für ein Könner am Werke ist: Feinfruchtiges Spiel, stoffig und trotzdem spielerisch, Fülle aber nichtsdestotrotz tänzelnd. Unbedingt mehr davon.

Achim von Oettinger, nicht nur ein großartiger Pfundskerl, sondern auch der leise Revoluzer des Rheingaus. Was er in diesem Jahrgang an Eigenständigkeit, Charakter und trotzdem klarer Rheingau-Herkunft auf die Flaschen bringt sucht seinesgleichen. Der Hohenrain verbindet Charakter und Eigenständigkeit, ist aber trotzdem ganz klar als Rheingauer zu erkennen. Noch nicht ganz beieinander, aber hat ja auch noch Zeit. Gerne würde ich ihn in zehn Jahren probieren. Der Siegelsberg ist frisch & klar wie ein Gebirgsbach (Stichwort: „Frische Sommerluft nach Regenguß“). Dagegen ist der Marcobrunn ein Mann von Wein: Griffige Phenolik, Spannung am Gaumen und eine Struktur zum Kauen. Saugut.

Das ist das einmal schreiben würde hätte ich nicht gedacht: Großes Gewächs ist wo Gräfenberg ist. Chapeau Wilhelm Weil – was da an innerer Dichte, Länge und Konzentration im Riesling steckt ist beispiellos in diesem Jahrgang des Rheingaus.

Eine Lage, die man normalerwiese nicht mit Toni Jost am Mittelrhein in Verbindung bringt ist der Wallufer Walkenberg. Der Wein überrascht mit seiner schlanken Art. Sollte man kosten.

Selbst für Freunde von volleren Rieslingen hat der Rheingau was zu bieten: Der Nonnberg von Joachim Flick bietet durch seine fast schon opulente Art Rubensfans etwas zum Schmausen.

In diesem Jahr nicht ganz so strahlend: Die Hölle von Künslter. Nicht das sie schlecht ist – ganz im Gegenteil. Aber die Größe, die mich immer wieder über Jahre begeisterte, konnte ich diesmal nicht finden. Vielleicht springt der Funke bei einer weiteren Verkostung über.

Last but not least Rüdesheimer Berg:

Die über allem stehende Spitze dieses Jahrgangs ist der Schlossberg von August Kesseler: Diese Balance und von absoluter Finesse geprägte Stimmigkeit im Wein verschlug mir die Sprache. Ein Wein zum Reinlegen. Fein, im besten Sinne leise, hinten raus sich unendlich am Gaumen entwickelnd. Ganze Welten öffnen sich. Unglaublicher Spannungsbogen zwischen Boden, Frucht, Dichte und Eleganz. WOW – GROß Wahnsinnsbalance. So stelle ich mir eine Weltklasse Balerina vor. Pure Kraft umhüllt von reinster Finesse und Spannung.

Orndung muss sein - VDP.GROSSE GEWÄCHSE Vorpremiere 2014So, der Shuttle Bus huppt schon, ich stürze ganz nach Klimek mein Fluchtachterl Prälat hinunter und sprinnte los.

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8 thoughts on “VDP Grosse Gewächse 2013: Mittelrhein und Rheingau

  1. Pingback: Große Gewächs Präsentation 2014 in Wiesbaden – Berichte der Verkoster vor Ort « K&M Gutsweine – Die Weinhandlung in Frankfurt -

  2. Wow, das macht Lust auf mehr. Vielleicht sind wir beim nächsten Mal auch dabei 🙂 Tolle Beiträge, weiter so!

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