Meursault aus Neuseeland? Kumeu River Chardonnay

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(NM) Das Leben als Wein-Enthusiast ist ein verrücktes. Die globale Weinwelt offeriert ein Überfluss an interessanten Rebsorten und deren Weine. Welche Rebsorte oder Region gerade intensiv probiert wird, entscheidet nicht selten einfach der Zufall. Und genau dieser brachte mich nach einer großartigen Meursault-Probe (Bericht folgt!) zurück zum Chardonnay. Da mein Weingedächtnis anscheinend noch ganz ordentlich funktioniert, erinnerte ich mich an einen gewissen Hendrik Thoma, welcher in einer seiner frühen „Wein am Limit“ Folgen auf das Neuseeländische Weingut Kumeu aufmerksam machte. Und wie es der Teufel so will, sind die Weine des Weingutes Kumeu nun auch in Deutschland über Vinexus verfügbar. Somit war die Mission klar: Kann Neuseeland Chardonnay ähnlich dem aus Meursault sein? Zwei Flaschen wurden besorgt, und los ging der Cross-Kontinentale Chardonnay Vergleich.

Das Weingut Kumeu River ist nach dem gleichnamigen Örtchen Kumeu in der Region Auckland, auf der nördlichsten Spitze der Neuseeländischen Nordinsel benannt. Von Deutschland aus betrachtet ist das zwar noch immer sehr weit im Süden, aber wir reden hier definitiv von der „neuen Welt“. „Neue Welt“ – das klingt für mich so nach „wir machen erst seit gestern Wein“. Tatsächlich geht die Weinbautradition der Familie Brajkovich und dem Weingut Kumeu River zurück bis in das Jahr 1937, als die Brajkovichs aus Kroatien auf dieses abgelegene Fleckchen Land auswanderten. Auch die geographische Lage des Weingutes Kumeu River ist ausgesprochen spannend: Nur 15 km im Westen liegt die Tasmanische See und etwa 20 km ist Osten trifft der Pazifische Ozean auf die Küste Aucklands. Diese Situation sorgt für kühle Seewinde und genügend Wolkenbildung um auch im Sommer die Temperaturen nicht über 30°C steigen zu lassen – ganz im Gegensatz zu vielen anderen Neuseeländischen Weinbaugebieten auf der Südinsel. Richtiges „cool climate“ also.

Kumeu Map

Die komplette Familie Brajkovich ist den Weingutsbetrieb integriert. Mama Melba fungiert als „Managing Director“, Sohn Michael Brajkovich (Master of Wine) ist für den Keller zuständig, Sohn Milan verwaltet die Weinberge als „Vineyard Director“, Sohn Paul und Tochter Marijana teilen sich das Ressort Marketing. Insgesamt verfügt das Weingut über 30 Hektar eigene Rebfläche. 10 Hektar kommen mit Bewirtschaftungsverträgen noch hinzu. Von den somit 40 Hektar kommen jedes Jahr im Schnitt etwa 250.000 Flaschen auf den Markt. Neben Chardonnay werden auch noch etwas Pinot Gris, Pinot Noir und Merlot angebaut. Doch der Fokus liegt eindeutig auf der weißen „Edeltraube“ aus dem Burgund. Neben einem „Village“ und „Estate“ Chardonnay werden noch drei Einzellagen Weine ausgebaut und abgefüllt. Ich werde euch heute den Einstiegs-Chardonnay „Village“ und die Einzellage „Hunting Hill“ vorstellen. Auf geht’s.

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2011 Kumeu River Village Chardonnay

Der Village Chardonnay ist die Visitenkarte des Weingutes. Wie alle anderen Weine des Kumeu Sortiments werden auch hier die Trauben händisch gelesen und spontan vergoren. Der Ausbau findet zu 1/3 im Barrique und 2/3 im Stahltank statt und durchläuft zu 100% die malolaktische Gärung. Dies spiegelt sich sehr schön im Aromen Spektrum des Weines wieder. Die Nase ist verspielt und frisch, mit Aromen von Pfirsich, etwas Ananas und Banane, Haselnuss und einer feinen Holzröstnoten inklusive einem Hauch Vanille. Auch am Gaumen wirkt der 2011er Kumeu River Village Chardonnay nicht breit und fett, sondern ausgewogen, würzig und schlank, mit sehr feiner rauchiger Holzröstnote, deutlicher Frucht und einer leichten nussigen Bitterkeit. Auch die Länge ist für diesen Einstiegswein durchaus beachtlich. Stilistisch bewegt er sich geschickt zwischen alter und neuer Welt. Für 13,50€ lässt er auch Preislich in Bezug auf die Qualität keine Wünsche übrig. Ein wunderbar unkomplizierter aber dennoch hochwertiger Chardonnay von „Weit-Weit-Weg“ für faires Geld! 89 Punkte.

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2011 Kumeu River Hunting Hill Chardonnay

Die Einzellage Hunting Hill liegt direkt hinter dem „Mate’s Vineyard“ gegenüber des Weingutes auf des anderen Seite der Kumeu Main Road. Der Wein wurde zu 100% in Barriques ausgebaut und für 11 Monate darin gelagert. Auch hier wurde der Most spontan vergoren und anschließend zu 100% die malolaktische Gärung durchlaufen. Das Resultat ist in diesem Fall schlichtweg sensationell. Soviel darf vorweg gesagt werden: Kumeus Hunting Hill liegt hier so nah an Meursault, wie ich es bei noch keinem anderen Chardonnay aus Übersee gesehen habe. Lisa Perrotti-Brown MW, für Robert Parkers Wine Advacate in Australien und Neuseeland unterwegs, war bei diesem Wein auch ganz aus dem Häuschen und vergab dem 2011er Kumeu River Hunting Hill Chardonnay stolze 95 Punkte. Ich persönlich war von dem Erscheinungsbild des Weines anfänglich auch etwas geblendet. Initial geöffnet steht der Holzausbau nach etwas fest und leicht dominant über dem Wein. Doch nach einigen Minuten im Glas, und erst recht am 2. Tag offen aus dem Kühlschrank zeigt dieser Chardonnay seine wahre Größe. Aus dem Glas duftet eine multidimensionale Aromen-Konstellation: Nasser Stein, feine reife tropische Fruchtnoten (Mango, Ananas, Limette), kombiniert mit dieser fast schon zarten und leicht rauchigen Nussigkeit lassen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Auch am Gaumen ein Chardonnay ganz im europäischen/burgundischen Stil. Eine klare Säurestruktur schiebt den Wein ungemein strahlend, geradlinig und persistent über die Zunge. Das Zusammenspiel aus feiner Nussigkeit, verwobenen Mineralik, sehr schön eingebunden rauchigen Holztönen und zarter Zitrus und Tropenfrucht bilden ein komplexes und dennoch präzises Aromenbild. Meursault, du bist nicht weit! Die 14% Alkohol sind vorbildlich integriert und fallen keinen Meter auf. Kraft, Druck, Eleganz, Spiel und Länge – mehr kann man sich kaum von einem Chardonnay wünschen. Für mich ist der 2011er Kumeu River Hunting Hill Chardonnay einer der schönsten und burgundischsten Chardonnays die ich aus der neuen Welt je probiert habe. Für 30€ kann man da also fast von einmal Schnäppchen sprechen. 93+ Punkte stehen bei mir im Buch. Für Freunde des ausdruckstarken Chardonnays: Kaufen – denn aus Frankreich kann diese Qualität leicht das Doppelte kosten!

Beide Weine kann man in Deutschland über Vinexus.de ordern. Den 2011 Kumeu Village Chardonnay für 13,50€ hier und der 2011 Kumeu Hunting Hill Chardonnay für 30,95€ hier.

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5 thoughts on “Meursault aus Neuseeland? Kumeu River Chardonnay

  1. Hallo Nico,
    eben noch dein mail gelesen und Hermann die Bestelluzng durchgegeben. Es kommt der OriginalRosée. War noch was da.
    Jetzt aber zum Bericht. Ich war ja lange Anti-Bourgogne und komme heute immer noch nicht wegen der Großflächen und des französischen Spritzwahns danmit zurecht. Wegen der dichten Lagen und der Kleinparzellen kann sich auch ein anders denkender Winzer davor nicht schützen und wir kriegen es im Wein ab. Nun gut. Allerdings musste ich mich geschmacklich letztes Jahr eines Besseren belehren lassen nach den Besuchen einiger Güter vor Ort. Und da wundere ich mich jetzt. Klar gibt es 60 Euro Mersaults, aber die kleinen Güter, die Du nicht in allen oder nur wenigen Topläden findest und die wegen geringer Masse nicht wirklich handelbar sind, bringen echt gute Mersaults in die Flasche. Und das für Preise die sich unterhalb des Neuseeländers befinden. 93+ Hin oder Her – ich habe mich ja auch zurück gehalten in der von Dir angestoßenen Qualitätsdiskussion – würde ich denen auch geben wenn sie mich zu Äußerungen wie „das Beste was ich an weiß je getrunken habe“ hinreißen.
    allerleibst Grüße und einen angenehmen Proweinbesuch. Schade das es nicht klapt mit dem Besuch.

    • Hallo Karl,
      mit Sicherheit hast du, was die „kleinen“ Meursault Winzer angeht recht, aber diese sind leider in Deutschland auf dem Markt so gut wie gar nicht zu finden. Dewegen kann ich auch nur den vergleich zu den Meursaults anstellen die ich kenne und (kürzlich) getrunken habe. Und dort spielt der Neuseeländer eben in der angesprochenen 50-60€ Liga locker mit. Deswegen mein Vergleich.

      Grüße und bis bald,

      Nico

  2. Cooler Bericht, inspiriert mich dazu, mich einmal mehr mit Neuseeland zubeschäftigen! Leider ist es wirklich nicht so leicht, hier an die wirklichen Schätze zukommen, da meistens nur die Mainstream Weine auf dem Markt sind! 🙂

    weinstil.wordpress.com

  3. Kleine Meursaults zu bezahlbaren Preisen gibt es durchaus. Sie sitzen nur nicht in Meursault selbst, sondern beispielsweise im wenig bekannten Dörfern wie Saint Aubin. Mein absoluter Favorit: Sylvain Langoureau, die Premier Cru-Weine, einige davon direkte Nachbarn des großen Montrachet, sind Spitze und laufen in Blindverkostungen manchem Mersault den Rang ab – kosten aber nur die Hälfte.
    Beste Grüße
    Michael, Burgund-Fan

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