Locker machen: Vergleichbarkeit von Weinen.

Vergleichbarkeit von Weinen

(NM) Heute gibt es ein kniffeliges Thema. Eines, welches mir schon lange im Kopf herumschwirrt und regelmäßig in Wein 2.0 zu Diskussionen führt. Es geht um die Vergleichbarkeit von Weinen, bezogen auf ihre Qualität in Verbindung mit den persönlichen Vorlieben. Denn irgendwie kennen wir doch alle die Situation: Ein geselliger Abend, größere Runde, mehrere Flaschen Wein werden aufgemacht, es wird blind verkostet. Keiner kennt alle Weine auf dem Tisch. Die ersten Vermutungen werden ausgesprochen, die Weine in Kategorien gepackt. Persönliche Vorlieben bestimmen, von welchem Wein nachgeschenkt wird, welcher einem persönlich also besser schmeckt. Unterbewusst werden die Weine in unserem Kopf verglichen. „Wein A hat eine super klare Frucht, reifes Tannin, ein wenig Kräuter und Röstaromen, eine tolle Säure – den mag ich den ganzen Abend trinken. Wein B und C sind mir hingegen viel zu üppig und fett. Ihnen fehlt es an Struktur. Sie wirken plump und langweilig – haben aber mit Sicherheit viele Parker Punkte. Nicht meins….“ So oder so ähnlich läuft es doch in unseren Köpfen ab. Und was machen wir? Wir vergleichen die Weine. Für uns. Nach unserem Geschmack. Und siehe da: Wein A, kühler Blaufränkisch aus dem Burgendland gefällt mir viel besser wie Wein B und C, einem Primitivo aus Apulien und einem modernen Syrah aus der Toskana. Doch die Gruppe am Tisch ist sich nicht ganz so einig…

Doch darf man diese Weine auf Grund ihrer unterschiedlichen Rebsorten, Regionen, Macharten und Jahrgängen qualitativ vergleichen? Zwei unterschiedliche Thesen hierzu fasse ich hier nun einmal zusammen:

These 1:
Weine dürfen nur qualitativ verglichen werden, wenn die meisten wichtigen Parameter eingehalten werden: Gleiche Farbe (z.B. Rot), gleiches Land (z.B. Deutschland), gleiche Rebsorte (z.B. Spätburgunder), gleicher Jahrgang (z.B. 2011), optional noch gleiche preisliche Ausrichtung (z.B. 25-40€) oder Qualitätseinstufung (z.B. Großes Gewächs)

Dieser Ansatz wird z.B. gerne für nationale Vergleichsproben verwendet. Er ist grundsätzlich ok, gerade wenn man im großen Stile den „Besten“ seines Jahrgangs oder Region sucht. Doch leider hinkt er aber auf der anderen Seite. Basierend auf unterschiedlichen Ausbau Methoden und Wein Stile liegen manche Weine z.B. Länger im Fass, andere sind für den schnelleren Konsum vinifiziert und zeigen sich dementsprechend offener, wiederum andere wurden mit Rappen vergoren und sind in der Jugend ruppig und harsch. Genau genommen ist auch hier der direkte Vergleich untereinander nicht korrekt. Nur ein nur noch weiteres Einschränken der Parameter (z.B. nur Spontan vergorenen Weine, nur Bio-Weine, nur Stahltank Ausbau, etc.) würde einen direkten Vergleich auf Augenhöhe rechtfertigen. Doch da kommt man schnell vom Hundertste ins Tausendste und der Aufwand im Vorfeld des Vergleiches wäre viel zu hoch.

These 2:
Alle Weine dürfen qualitativ verglichen werden, wenn nur wenige wichtige Parameter (wie z.B. die Farbe oder lange Flaschenreife) eingehalten werden. Somit ist es legitim, ein 30€ 2011er deutschen Spätburgunder GG mit einem 250€ Pinot Burgunder Grand Cru aus dem Jahr 2007 zu vergleichen. Die Parameter für einen Vergleich reichen in diesem Fall absolut aus.

Ich persönlich bin ein starker Vertreter dieser zweiten These. Warum? Ganz einfach: Am Ende jeden Vergleiches (egal ob rein qualitativ oder unter Einfluss des persönlichen Geschmackes) steht immer eine Bewertung, meist in Form einer Zahl zwischen 50-100, 10-20 oder einer Anzahl von Kreuzen, Sternen etc. Je nach persönlicher Vorliebe des Verkosters. In diese Bewertung fließen alle Faktoren ein, die einen Wein in seiner jetzigen Entwicklungsphase zu bieten hat, unabhängig des Jahrgangs, der Rebsorten oder der Preisklasse. Die Momentaufnahme der Bewertung spiegelt die Qualität und Entwicklung des Weines zu dem Zeitpunkt der Verkostung wieder. Richtig komplex und kompliziert wird es mit fortschreitender Entwicklung der Weine unter Lufteinfluss. Schnell können Bewertungen revidiert, ab- oder aufgerundet werden. Da man diese ganzen Faktoren niemals zu 100% berücksichtigen und in seiner Bewertung korrekt einfließen lassen kann, sehe ich den Ansatz des Vergleichs mehrerer Weine sehr pragmatisch und offen – genau so wie es unser Gehirn unterbewusst auch macht.

2011er Rotwein Cuvées aus der Pfalz

Ausprobiert!
Mein praktisches Beispiel heute bezieht sich auf drei Weine mit den folgenden Parametern: Jahrgang 2011, Pfälzer Rotwein Cuvée mit Bordelaiser Rebsorten, Barrique-Ausbau und preislich zwischen 18 und 24€ angesiedelt. Sogar These Nummer 1. würde sich mit diesem Vergleich engagieren können.

2011 Weingut Hanewald-Schwerdt  Zweihänder

2011 Weingut Hanewald-Schwerdt „Zweihänder“
Das Cuvée „Zweihänder“ ist das Flaggschiff des Bad Dürkheimer Weinguts Hanewald-Schwerdt. Es besteht zu etwa gleichen Teilen Cabernet Sauvignon und Merlot und dient als Symbol für die Zusammenarbeit der zwei im Weingut verankerten Familien. Beide Rebsorten stammen aus dem Dürkheimer Nonnengarten, einer Parzelle innerhalb des Dürkheimer Feuerbergs. Hier dominiert ein sandiger Kiesboden – ideal für die spätreifenden Rebsorten. Die Cabernet und der Merlot Trauben wurden im Sommer am Stock geteilt und anschließen per Hand geerntet. Vergoren wurde mittels offener Maischegärung, die Maische regelmäßig Hand gestoßen und danach zu 100% in neuen Barrique Fässern ausgebaut.

Diese Nase des 2011er Hanewald-Schwerdt „Zweihänder“ ist noch deutlich vom Holzausbau dominiert. Ich notierte Espresso, edle Hölzer, ein dichter Fruchtkern aus Herzkirschen und Brombeere, getrockneter Thymian und Rosmarin und ein wenig Vanille im Hintergrund. Am Gaumen gibt es Struktur satt. Feines und leicht austrocknendes Tannin und einen sehr dichten und reifen Körper, welcher aber keineswegs marmeladig oder brandig wirkt. Die 13.5% Alkohol sind bestens eingebunden. Die Säure ist geschmacklich vorhanden und gibt zusätzlich Struktur und Länge. Das Gesamtbild ist definitiv „deutsch“, die roten und dunklen Früchte befinden sich im Wechselspiel und die Vanille dominiert noch deutlich im Abgang. Leider fehlt es momentan noch an Feinheit und Ausgewogenheit, da das Holz einfach noch zu dominant ist. Geduld ist hier angesagt, ein von mir parallel verkosteter 2009er Zweihänder zeigte wunderschön, wo die Reise hingehen kann. Mit der Bewertung lege ich mich momentan noch nicht fest: 88-90 Punkte.

2011 Weingut Krebs  Schwarzer Krebs

2011 Weingut Krebs „Schwarzer Krebs“
Auch der „Schwarze Krebs“ ist das Top Rotwein Cuvée des Hauses Krebs. Dieser besteht aus 80% aus Merlot und zu 20% aus Cabernet Sauvignon. Hauptsächlich stehen die Reben in der Lage Freinsheimer Schwarzes Kreuz, welche maßgeblich zur Namensgebung beitrug. „Dank“ des Hagels im Herbst 2011 und einer weiteren Selektionierung im Weinberg, lag der Ertrag bei nur 30 HL/HE. Nach 18 Monaten in 30% neuen Französischen Barriques wurde unfiltriert gefüllt. Er ist erst seit Dezember 2013 für 24€ ab Weingut im Verkauf.

Die Nase zeigt sich schon ausgesprochen Aromenreich: Schwarzwälder Kirschtorte, feine süßliche Holzwürze, ganz dezent Vanille, reife Brombeeren und etwas grüne Paprika bilden das harmonische Gesamtbild. Doch am Gaumen gibt sich der 2011er „Schwarzer Krebs“ noch relativ verschlossen. Auch nach 80 Min im Dekanter zeigt noch lange nicht seine ganze Pracht. Das Tannin wirkt austrocknend und fast schon karg, die Säure ist merklich vorhanden und gibt Struktur und Frische. Trotz aller Dichte und Kraft legt er eine gewisse Lebendigkeit und fast schon Leichtfüßigkeit an den Tag. Im langen Abgang zeigt er sich wieder seine reife Frucht unterlegt von feinen Röstnoten, ohne aber den aufgesetzten Vanille-Kick. Der Holzeinsatz ist wohl dosiert. Dies ist in meinen Augen eine der großen Stärken von Jürgen Krebs, dem Mann hinter dem Weingut Krebs. Auch hier haben wir definitiv Potential für eine großartige Entwicklung! Bitte 3-5 Jahre vergessen. Deswegen im Moment nicht festgelegte 89-91 Punkte.

2011 Weingut Pflüger Alte Reben

2011 Weingut Pflüger „Alte Reben“ Rotwein Cuvée
Die „Alten Reben“ sind in Wirklichkeit nur ein Synonym für den „hochwertigeren“ der beiden Rotwein Cuvées im Hause Pflüger. Stichwort: klare Qualitätstrennung im Weinportfolio. Apropos Qualität. Das Cuvée besteht zu 50 Prozent aus Merlot (40 HL/HE) und zu 50 Prozent aus Cabernet Sauvignon (35 HL/HE). Beide Rebsorten wurden die ersten Monate getrennt in Barriques unterschiedlicher Röstung ausgebaut und erst im Frühjahr zusammengelegt. Herausgekommen ist folgendes Cuvée voller Kraft und einer gewissen Wildheit.

In der Nase gibt sich der Wein kühl und noch leicht Holzverwöhnt. Die klare schwarze Johannesbeere und Brombeer Frucht wird wie von einem kalkigen Mantel zusammengehalten. Dazu gesellen sich noch etwas Leder und eine leicht animalische und fleischige Note. Der Geruch ist alles in allem sehr vielversprechend. Am Gaumen wird der Wein dann noch recht deutlich von dem Alkohol getragen, welches dem dichten und konzentrierten Mundgefühl einen leicht süßlichen Touch gibt. Mitten in der primären Fruchtphase geht es momentan noch etwas kreuz und quer im Mund zu. Die „ein Maul voll Wein“ Fraktion wird sicherlich an dem 2011er Pflüger „Alte Reben“ sehr viel Freude haben. Aber auch hier wird der Faktor Zeit dem ganzen den letzten Schliff geben, Davon bin ich fest überzeugt, denn die strukturelle Grundlage ist hier vorhanden. Ein Rohdiamant, welcher definitiv noch geschliffen werden muss. Meine offizielle Wertung: irgendwo bei 88-90 Punkte. Time will tell!

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3 thoughts on “Locker machen: Vergleichbarkeit von Weinen.

  1. mhh, guter Gedanke Nico! Ich stelle mit die Frage ob Vergleichbarkeit wirklich gegeben sein muss, schließlich ist Wein schlussendlich eine subjektive Wahrnehmung. Ich teile daher die offene und pragmatische Sichtweise der Vergleichbarkeit. Dann machst du aber noch ein Feld auf, über das sicherlich bis zum Sankt-Nimmerleinstag diskutiert werden könnte: „bezogen auf ihre Qualität“ ohje!.. Abgesehen von (und da sind wir uns sicher einig) groben Weinfehlern, ist es meiner Ansicht nach sehr mühsig über „Qualität“ zu richten. Du verwendest hier auch sehr oft dieses Wort. Stellt sich die Frage WIE ist überhaupt Qualität beim Wein definiert? Eine Sache die sicherlich (und das zeigen auch die vielen unterschiedlichen Bewertungssysteme – DLG-Schema, 100 Punkte / 20 Punkte Schema etc.) nicht zu definieren ist und die jeder für sich selbst ausmachen muss. Meiner Ansicht nach begibt man sich schnell auf dünnes (schwammiges) Eis, wenn man diesen Begriff verwendet. Allein durch den Missbrauch des Begriffs „Qualität“ durch viele Winzer ist es bereits verkommen zu einer trivialen Phrase.

    • Hi Torsten! Danke für deine Antwort! Für mich persönlich ist die „Qualität“ die Summer der einzeln schmeckbaren Bestandteile eines Weines. Diese sollten in „Balance“ stehen, d.h. keines sollte das andere überpowern. Der perfekte Wein (100 Punkte etc.) ist der Wein für mich, welcher 1.) in der Summer seiner schmeckbaren Bestandteile (Qualität) perfekt balanciert ist, 2.) meinen persönlichen Aromatischen Vorlieben entspricht und 3.) eine gewisse emotionale Bindung aufbaut.

    • Ein offenes Grüß Gott aus dem schönen Tirol!
      Ich bin neu hier im Bunde, lese aber diesen Blog regelmäßig mit großem Interesse! Die sehr ungezwungene Art und Weise, plus ehrlich-ungeschönte Meinung zu teils heiklen Themen gefallen mir hier sehr gut!
      Meiner selbst arbeitet seit 5 Jahren als Sommelier im Interalpen Hotel Tyrol und da ich gerade wieder einen 2. Sommelier quasi in Ausbildung habe, kommt mir dieses Thema gerade sehr oft auf den Frage-Tisch.
      Des Begriff “Qualität” bei Wein zu definieren ist in der Tat schwierig, ich meine aber, dass dies doch in gewissen Rahmen möglich sein MUSS… sonst wäre mein Beruf ja komplett um sonst wenn alles nur noch subjektiv und persönlich wäre. Ich stimme der Aussage zu 100% zu, dass eine Verkostung des Weines immer nur eine Momentsaufnahme dar stellt. Punkte Systeme sehe ich in dem Zusammenhang einfach als Hilfestellung, als festgehaltene Darstellung des Verkosters an und nicht als in Stein gemeiseltes Gesetz. In vielen Fällen sagt ein Verkostungsprotokoll meiner Meinung nach mehr über den Verkoster aus als über den Wein.
      Für mich sind über die Zeit hin andere Faktoren wichtig geworden welche an dem eigentlichen Aufzählen von Fakten (so und so viel Säure, so und so viel Tannin, so und so viel Alkohol, usw.) vorbei gehen! Wein verkosten, vorallem blind, ist nichts anderes als ein interpretieren von Eindrücken inklusive Blinde Kuh in eine Richtung schicken. Das hat definitiv seinen Reiz, man lernt hier aber mehr über sich selbst als über einen Wein – was essentiell wichtig ist um sich weiter zu entwickeln und offener, unbefangener zu werden!
      Meine Anhaltspunkte werden immer mehr Fragen nach Harmonie (als für mich passendere Beschreibung zu Balance!), wird Feinheit geliefert, das wirkliche Festmachen an ganz detailierten Aromen oder Geschmäckern (anstatt nur grob die Richtung “intensive Frucht” fest halten zu können) und Vielschichtigkeit (im Gegensatz zum gern verwendeten Komplexität – jeder Wein ist in der Summe seiner Inhaltstoffe komplexer als Mensch erfassen kann).
      Auch das Mundgefühl ist für mich sehr wichtig, die Frage ob ich gerne nach einem 2ten Glas greifen würde, oder ob ich nach einem Schluck schon genug hätte!
      Das wirkliche i-Tüpfelchen ist dann für mich wenn mich ein Wein dann noch überrascht!
      Persönliche Vorlieben, Preferänzen und Geschmacksbilder werden natürlich immer mit ein fließen, sollten aber sehr wohl berücksichtigt werden so gut es halt geht…

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