Wenn Wein die Seele berührt: Domaine Gourt de Mautens

Große Emotionen: Domaine Gourt de Mautens

(JR) Manchmal sind es die Zufälle im Leben, die Prinzipien auf den Kopf und eingefahrene Ansichten in Frage stellen. Thomas Krug, langjähriger Freund und Besitzer der renommierten „Käseglocke“ in Gießen erzählte mir im vergangenen Sommer am Rande einer Weinprobe „off topic“, er habe bei einem Freund einen ganz ungewöhnlichen Wein aus Südfrankreich kennengelernt, den müsse ich einfach bei Gelegenheit mal probieren. Aber wie das so ist, der Abend wurde lang, manches war zu besprechen und diskutieren und der Südfranzose war schnell vergessen. Der Zufall führte im Winter zu einer Drunkenmonday-Probe mit dem Thema „Süd-Rhone“ und der Wein aus Rasteau drängte sich aus dem Unterbewusstsein hervor. Dank des empfehlenswerten aber nicht sehr kommunikativen Frankreich Spezialisten Vinisud stand Anfang des Jahres eine kleine Vertikale der Jahrgänge 07, 08 und 09 auf unserem Probentisch.

Ein ganz außergewöhnlicher Wein

Das waren die Worte, die mir im Ohr lagen, als der undurchsichtig, tiefdunkle 2007er Gourt de Mautens im Glas seine Aromenpracht entfaltete. Dunkle Beerenfrüchte, dezentes Holz, Veilchen, Kräuter der Provence, Lakritze… mit jedem Schwenken ergeben sich neue Eindrücke. Eine phantastische Vielfältigkeit, die hohe Erwartungen in der Runde weckten. Zumal dieser 07er der Wein des Jahres 2010 der renommierten Fachzeitschrift „Revue du Vin de France“ wurde. Was dann folgte, war eines der eindrücklichsten und wunderbarsten Weinerlebnisse seit Bestehen der Drunkenmonday Weinrunde. Ein Mundgefühl wie Samt und Seide, nicht breit, nicht marmeladig, sondern mit viel Substanz und Dichte streichelte unsere Zungen. Der süßliche Fruchtkern im trocken ausgebauten Wein ist eine Offenbarung. Auf der Zungenmitte zeigen sich wie in der Nase immer neue, changierende Einrücke. Hier sind vor allem die Kräuter und die überzeugend eingebundene Säure hervorzuheben, die dem Wein trotz aller Konzentration die nötige Frische verleihen. Der sich ungemein öffnende, minutenlange (!) Abgang ist eine Klasse für sich. Alles bisher Geschilderte explodiert geradezu im Rachen. Schwarze Oliven, Reife und Süße ergeben einen fruchtigen Stil zum Niederknien. Ein vollkommener, berührender, Emotionen auslösender Wein, der sich in kein Punkteschema einzwängen lässt und Luft sowie Zeit zum Genießen braucht.

Wie gelangt man zu solchen Qualitäten?

Der Winzer Jerôme Bressy ist so auf die absolute Perfektion fixiert, dass er zu fast schon verrückt anmutenden Qualitätsmaßnahmen greift. Dies geht weit über biologisch-dynamischen Prinzipien hinaus. Da werden wegen „mangelnder Qualität“ mal eben fast 20% von insgesamt 14 Hektar gerodet und mit alten Rebsorten neu bepflanzt, die aber frühestens in 15 Jahren in den Ertrag kommen. Bäume im Weinberg spenden den Reben Schatten in der Sommerhitze. Der Boden wird ohne Einsatz von Maschinen gelockert und Erträge unter 15 Hektoliter/ha sorgen für die nötige Konzentration ohne Überextraktion. Der Zeitpunkt der Handlese wird für jede Parzelle einzeln auf die Stunde (!) genau festgelegt. Die 18-tägige Maischegärung erfolgt ebenfalls getrennt. So kann Jerôme Bressy jeder noch so kleinen Lage gerecht werden und die Besonderheit eines jeden Jahrgangs herausarbeiten. Die finale Cuvée aus den Rebsorten Grenache (70%), Carrignon (15%), sowie Mourvèdre, Counoise, Syrah und Vaccarèse ergibt so ein komplexes, ausgesprochen firsches Gesamtbild, welches die einzelnen Facetten fast schon filigran herausbeitet.

Der perfekte Kork.

Der Winzer verdient unseren Respekt

Viele Erzeuger versuchen, die etwas schwächeren Jahre auszugleichen, gelangen so aber zu einem uniformen Stil. Nicht so Jerôme Bressy. Die Verkostung des 2008 Gourt de Mautens hat uns regelrecht ein Lächeln auf die Lippen gezaubert, so ganz anders kam dieser Jahrgang daher. Ein deutlicher, schnell verfliegender Stinker in der Nase macht Eindrücken von Tinte, Liebstöckel, Oliven, Waldboden, Wacholder und Kräutern platz. Diese Aromentiefe war so nicht zu erwarten. Am Gaumen tritt die Fruchtsüße im Vergleich zum 07er deutlich zurück und zeigt mehr animalischen Noten (Leder, Blut) mit Anklängen von Süßholz und Kräutern. Die Tannine haben viel grip und gleichzeitig eine unglaubliche, schwer zu beschreibende Qualität. Ultrafeines Schleifpapier für die Zunge. Der sich auf der Zungenmitte einstellende animalisch-kräutrige Stil ist beispiellos in Bezug auf Struktur und Finesse. Ein hoch komplexes Getränk und wie alle hier vorgestellten Jahrgänge mit Blick auf Burgund und Bdx ein Witz für´s Geld. Grandios.

Naturträne

Nico Medenbach ist sprachlos, das kommt selten vor. Ich habe Tränen in den Augen, das kommt noch seltener vor, und Matze Franz mahnt zur Contenance. Und das alles wegen eines Weines? Unglaublich. 2009 Gourt de Mautens ist ein absoluter Gänsehautwein, der wieder etwas in Richtung des 07er Jahrgangs geht. Die Unterschiede liegen zum einen in der anfangs etwas verschlossenen Nase und zum anderen im etwas kürzeren, nicht gar so explosionsartig ausfallenden Abgang. Also der schwächere Wein? Mitnichten.
Der Wein benötigt viel Luft und Zeit zur Entfaltung. Nach vier Stunden im Denkanter zeigt sich eine kühle Frische im Glas, die vor allem durch ätherische Kräuter (Minze, Eukalyptus) getragen wird. Dazu gesellen sich röstiges Mokka, Lakritze und dunkle Beerenfrüchte. Die Aromatik ist derart fein und edel, dass man im ersten Moment dazu neigt, darüber hinweg zu gehen. Zeit nehmen. Riechen. Schwenken. Denken. Träumen…
Am Gaumen geht dann der Punk ab. Irritierend zugänglich mit präsentem Tannin und riesengroßen Qualitäten auf allen Ebenen packt der Gourt de Mautens selbst den erfahrensten Weinkenner beim Schopf und schüttelt ihn sprichwörtlich durch. Hier haben wir einen total offenen Wein im Glas, extrem zugänglich und animierend zugleich. Unbeschreiblich fesselnd gelingt das Spiel aus Aromatik und kräutriger Frische, herrlich kühl und konzentriert zugleich, dabei absolut fein und ausgewogen. Jerôme Bressy schenkt uns mit dieser Cuveé ein tief emotionales, feinst balanciertes Weinmonument, dem man sich nur schwer entziehen kann. Einer der ganz großen Weine dieses Planeten. Schluchz….

http://www.gourtdemautens.com/

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25 thoughts on “Wenn Wein die Seele berührt: Domaine Gourt de Mautens

  1. Hach, ja, solche Momente sind reines Glück. Dafür probieren wir viel und das Meiste bleibt belanglos. Aber egal, wenn man dann auf solche Perlen stößt.

  2. ….vor ein paar Jahren trank ich zusammen mit einem Freund, den Wein aus dem Hitzejahrgang 2003 und ich kann mich erinnern wie überrascht wir von seiner Frische und Kühle waren. Die Länge am Gaumen aber, blieb bis Heute unvergessen….danke für die Auffrischung

  3. Vor 2 – 3 Jahren hatte ich schon mal den 2000er und den 2003er. Hab´ ich noch gut in Erinnerung. War wirklich lecker. Ist mir dann seit dem nicht mehr untergekommen. Nach eurem (wirklich sehr verkaufsförderndem) Bericht bin ich sofort auf die Suche gegangen. Vor einer Woche konnte ich dann eine Flasche vom 07er erstehen. Gestern nun „endlich“ getrunken! Und Ihr habt nicht übertrieben!!! Da muss sich jeder Chateauneuf aus 2007 der heute noch für einen zweistelligen Betrag zu kaufen ist ganz warm anziehen. Das ist ganz großer Stoff! Da muss es irgendwann einen Qualitätssprung gegeben haben!? Toller Tip! Vielen Dank! Weiter so!!!
    P.S. Schmeckt übrigens auch alleine!!!

    • Vossi,
      vielen Dank für das Lob.
      Du meintest sicher „dreistellig“ in Bezug auf Chateauneuf 07, oder?
      Der Qualitätssprung hat sich bei Jerôme Bressy mit dem Jahrgang 2006 eingestellt. Davor schon sehr gut, ab dann phänomenal.

      • Ich meinte schon 2-stellig! Über 100 € wird sich da schon was ebenbürtiges finden lassen!?
        Ist aber auch egal! Grandioser Wein fürs Geld!!!

  4. Guten Morgen
    So es hat etwas gedauert aber vorgestern habe ich dann die erste Flasche 2007 aufgemacht und war gespannt was mich erwartet.
    Und leider muss ich sagen – das ich dem oben zu diesem Wein geschriebenen Worten wenig oder gar nicht hinzufügen kann!
    Es ist ein fantastischer Tropfen der wirklich bei jeden Schluck oder bei jeder Nase die man von ihm nimmt sehr viel Spaß macht.
    Der Wein war übrigens am zweiten Tag genauso gut wenn nicht sogar noch etwas besser.
    Ich möchte hier für eine hervorragende Weinempfehlung danken und hoffe das der 2009 mich ebenso erfreut.

    • Danke Sascha! Das freut uns! Schön das wir hier eine kleine „Entdeckung“ entdeckt haben 😉
      Grüße aus Mittelhessen!

  5. Pingback: Rotwein des Jahres 2013 bei Drunkenmonday | Drunkenmonday Wein Blog

  6. Pingback: Fünf JAHRE Drunkenmonday Weinblog 4/5: Unsere 5 emotionalsten Wein “Momente” | Drunkenmonday Wein Blog

  7. Hallo Herr Medenbach,

    haben Sie die folgenden Jahrgänge auch probiert? Sind diese ähnlich gelungen?

    Freundliche Grüße

    Ralph

    • Hallo Ralf,
      2010 ist auch sehr groß aber momentan sehr verschlossen. 2011 ist gerade erst auf den Markt gekommen und wird ganz bald verkostet!

  8. Hier mal zum Nachlesen – mal sehen wo das noch hingeht 😉
    und du warst der erste 😉

    zum glück hab ich meine Flaschen schon 😉

    Jeb Dunnuck’s Guide to the Best of 2014 bei Robert Parker

    2007 Domaine Gourt de Mautens Rasteau (Reviewed in Issue 216) $89
    I tasted this wine with importer Fran Kysela and was so blown away, I asked if I could take a bottle to Robert Parker for him to taste as well. Made by Jerome Bressy and a blend of 70% Grenache and the balance Carignan, Mourvèdre and Syrah (aged in demi-muid, foudre and concrete tank), this is an extraordinary Rasteau that’s one of the best wines I’ve tasted from the appellation.

    beste Grüße

    Sascha

  9. jetzt ist es amtlich 😉

    2007 Gourt de Mautens Rasteau
    A Proprietary Blend Dry Red Table wine from
    France, Cotes du Rhone Villages, Southern Rhone, Rhone, France
    Source Reviewer Rating Maturity Current (Release) Cost
    eRobertParker.com #216 (Part 2)
    Jan 2015 Jeb Dunnuck 98 Drink: 2014 – 2024 (89)
    Lastly, and the greatest Rasteau I’ve ever tasted, Bressy’s 2007 Rasteau is monumental stuff that flirts with perfection. Coming from miniscule yields of 14 hectoliters per hectare and a blend of 70% Grenache and the balance Carignan, Mourvedre, Syrah and other permitted varieties, it was aged 12 months in both demi-muid and foudre, followed by 18 months in concrete tank, before being bottled. Tasting like the essence of this incredible terroir, with off the hook notes of plum, black raspberry, licorice, roasted herbs and chocolate, it has full-bodied richness, awesome purity and a voluptuous, unctuous and opulent texture that’s has to be tasted to be believed. It’s an incredible wine to drink anytime over the coming decade or more.

    Covering 13 hectare of old vines (45-90-years old) in Rasteau, this estate was taken over by Jerome Bressy in 1998. The farming is all organic, yields are miniscule and he producers a single red and white cuvee. Today, he’s making some of the greatest wines in the Southern Rhone. Unfortunately, there’s just not much to go around, but if readers want to taste the essence of these sun baked, south-facing slopes in Rasteau, don’t miss a chance to grab some of these.

      • ja schade – vor allem hat er die Jahrgänge 09 / 10 / 11 auch sehr hoch bewertet – also steigen mit Sicherheit auch die Preise deutlich an ;-(

    • 2011 Gourt de Mautens IGP Vaucluse 93 Early
      2010 Gourt de Mautens IGP Vaucluse 95 Early
      2009 Gourt de Mautens Rasteau 96 Early
      2008 Gourt de Mautens Rasteau 91 Early
      2007 Gourt de Mautens Rasteau 98 Early

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