Keine Tradition, etwas Revolution und wenig Manipulation: Deutsche „Orange Wines“

(NM) Mir geht dieses sporadische „Orange Wine“ heruntermachen in Deutschen Weinkreisen ehrlich gesagt ganz schon auf den Zeiger. „Schmeckt wie Dreck“, „Unsaubere Weine“, „Eldorado der Weinfehler“ wird hier fröhlich über ein Kann geschert. Doch dabei gibt es für diese „Orange Wine“ Geschichte überhaupt keine klare Definition, keine gemeinsame Grundlage für „das braucht kein Mensch“. Oft wird das Thema Naturwein und Orange Wine einfach zusammen abgefrühstückt. Doch hinter dem einen steht eine Philosophie (Naturwein: Biodynamie im Weinberg + wenig/kein Schwefel + weglassen sämtlicher Hilfsmittel zur Klärung/Schönung etc.), im anderen Fall eine Weinbereitungsmethode (Orange Wine: Maischegärung bei Weißweinen).

Ich möchte jetzt auch nicht in das Pro und Contra Naturwein, Orange Wine und Konsorten abdriften. Nur so viel: Sicher gibt es Winzer die diese Ansätze/Methoden nicht so gut umsetzen wie andere. Sicher gibt es Naturweine und Orange Wines, die aromatisch dem Ottonormal Weintrinker die Fußnägel zum hochrollen animieren. Das ist unbestritten und steht auch hier nicht zur Debatte. Doch das eigentliche Ziel des maischevergorenen Weißweines (gerne auch Orange Wine) ist es, durch den längeren Kontakt mit den Traubenschalen und Kernen (und den in ihnen vorhanden Tanninen) eine Erweiterung des Aromen- und Geschmacks-Spektrums hervorzurufen. So simpel das auch klingen mag. Dafür sind weder Koalitionen mit den Herrn Steiners Theorien notwendig, noch spielt der heilige Schwefel hier eine übergeordnete Rolle.

Die Herangehensweise um Tannine in den Weißwein zu bekommen, kann relativ unterschiedlich sein. Die Vorstufe der Maischegärung wäre die Maischestandzeit. Hier wird der Most mit Kernen und Schalen für einige Tage „ziehen“ gelassen. Diese Technik ist aber für Weißweine in der heutigen Zeit nicht wirklich ungewöhnlich oder neu. Betriebe wie zum Beispiel Koehler-Ruprecht wenden diese Methode schon seit Jahren erfolgreich an. Es verleiht den Weinen mehr Struktur und Tiefe, ohne aber an den typischen Aromen Entwicklungen der Traube – geprägt durch das „Terroir“ – zu kratzen. Durch entsprechende Kühlung wird verhindert, dass die Maische die alkoholische Gärung beginnt. Um bei einer längeren Maischestandzeit (auch Mazeration genannt) die Oxidation mit Sauerstoff zu verhindern, kann die Maische mit Hilfe eines Gases (welches schwerer als Sauerstoff sein muss) oder z.B. Trockeneis „verschlossen“ werden. Um aber so viel Farbe und Tannin wie möglich aus den Beerenschalen zu lösen, können auch Weißweine eine Maischegärung durchlaufen. Da auch die Schalen von Weißweintrauben nicht wirklich „weiß“ sind, kommt es bei dieser Methode zu den berühmten orangefarbenen Weinen – Orange Wines – ein umstrittener Mythos ist geboren.

In den letzten zwei Jahrzehnten lag das Epizentrum des Orange Wines im italienischen Nordosten, genauer gesagt im Collio, an der Grenze zu Kroatien. Hier vinifizieren Winzer wie Stanko Radikon oder Josko Gravner einzigartige orangene Weißweine. Doch seit kurzem scheuen auch deutsche Winzer nicht, sich an diese Themengebiet heranzuwagen. Ich habe lange gebraucht, diese teilweise versteckten Schätzchen in Deutschland aufzutreiben. Die wenigsten Weine stehen offiziell auf den Weinkarten der Güter. Hier war wirklich der Jäger und Sammler Trieb gefragt. Als Bonus-Gast an diesem Abend hatten wir Jörn Goziewski, seines Zeichens Kellermeister beim Weingut Ankermühle am Tisch. Er brachte gleich 3 außergewöhnliche Rieslinge mit. Nun also „Vorhang auf“, zur ersten deutschen (mehr oder weniger) Orange Wine Probe.

2x Riesling: WTF von M. Meierer und Rutz Rebell von P.J. Kühn

Wir starteten mit dem 2011 Weingut Meierer Riesling WTF. Die Trauben für diesen Wein wurden bei 2° geerntet und brauchten sage und schreibe 2 Wochen um auf die richtige Temperatur zu kommen und die Gärung „spontan“ zu starten. Somit hatte dieser Riesling ausversehen 2 Wochen Maischestandzeit mitgenommen. Technisch bring er 7 Gramm Rest-Zucker bei 11.8% Alkohol mit sich. Die Nase ist leicht rauchig mit Aromen von Limette, Zitrus, feine Mineralik, Muskatnuss und Anklänge von Rosenblättern. Wirklich schön und doch relativ „unspektakulär“. Am Gaumen zeigt sich aber schon der Unterschied zum „normalen“ trockenen Mosel Riesling. Er verfügt über leichten Gripp dank „grüner Phenole“. Trotz der 7 Gramm Rest-Zucker wirkt er knochentrocken und zeigte guten Druck im Mund. Und das bei nur 11,8% Alkohol – sehr beeindruckend! Die ausgewogene Säure sorgte für guten Trinkfluss. Ein passender Einstieg in die Probe. Deutlich wilder wurde es mit Wein No.2. Es war der 2011 Kühn Riesling 300m NN „Rutz Rebell“. Peter Jakob Kühn erschuf hier einen Riesling in Kooperation mit dem Sommelier der Berliner Weinbar Rutz, Billy Wagner. Das bedeutet dieser Wein ist ausschließlich in/über die Weinbar Rutz zu beziehen. Und Billy wollte es hier wirklich wissen. Ganze 2 Wochen gärte dieser Wein auf der Maische und wurde darüber hinaus noch bis kurz vor der Abfüllung Anfang 2013 (!) auf der Hefe gelassen. Die Nase zeigte wunderschöne Aromatiken nach Mokka, Kamille, frisch geschnitten Kräuter, Vanille und etwas Zwieback. Riesling einmal ganz anders. Am Gaumen gab es viel Gripp durch feines, aber doch sehr präsentes Tannin. Die rassige Säure sorgte für sehr gute Frische und ließ den Wein saftig und animierend den Hals hinunter laufen. Eine absolut gelungene Interpretation des Themas mit viel Potential für weitere Jahre. So stell ich mir deutschen Orange Wein vor, welcher nur in solchen Konstellationen möglich ist. Bravo Peter, bravo Billy!

Ankermühle: Riesling Revolution

Die nächsten drei Rieslinge brachte Jörn Goziewski als Fassprobe mit. Alle samt ohne Namen, weswegen wir spontan „Projektnamen“ während der Probe vergaben. Nummer eins war 2011 Ankermühle Riesling „Blind Spot“ oder auch „Part-Time Jesus“. Er stammt aus einem Barrique, welches eigentlich für den Ankermühle Riesling Jesus gedacht war, sich aber ungewöhnlich entwickelte und somit nicht in die 2011 Jesus Abfüllung ging. Der Wein wurde mit sehr wenig Schwefel behandelt, besitzt 1,4 Gramm Zucker und wurde in einem 3fach belegten Barrique ausgebaut. Die Nase zeigte sich mostig, nach frisch vergorerem Apfelsaft, bzw. erinnerte an englischen Cidre mit etwas Hefe. Das faszinierende an dem Wein war aber, das der Geschmack überhaupt nicht zu Geruch passte. Am Gaumen gab es ein buntes Treiben von super kräutrig über leicht hefig (an Champagner erinnernd), bis extrem nussig (oxidativ) in Richtung Abgang. Zur mittleren Tannin-Struktur gesellte sich eine angenehme Bitterkeit. Krass. Einzigartig. Ungewöhnlich. Nächster Wein. Dies war der 2011 Ankermühle Riesling „Mittelstrahl“ „Golden Shower“. Auch hier wurde mit minimalsten Schwefeleinsatz und einem 3fach belegtes Barrique gearbeitet. Zudem hatte der Wein 24 Stunden Maischestandzeit durchlaufen. In der Nase gab es Kräuter (Kamille), Vanille, Rosen, herbe Limettenschale und etwas reife Banane. Irre. Anders. Faszinierend. Im Mund schickte uns eine sehr, sehr, sehr animierende Säure auf eine abgefahrene Reise. Dazu kamen Aromen die an Marzipan, Jasmin-Tee, Limettenschale und Kamille erinnerten. Auch hier waren sich Geruch und Geschmack nicht ganz einig. Nichtsdestotrotz ein durchaus harmonisches und sehr spannendes Weinerlebnis. Abfüllen, Jörn! Mit dem 2011 Ankermühle Riesling „B-Side“ schoss er aber den Vogel ab. Die Fakten: 2 Wochen Maischegärung, minimalster Schwefeleinsatz und wieder der Ausbau in einem 3fach belegten Barrique sprengten alles das, was wir an Riesling bis dato kannten. Die Nase: Rosenblüten (!), Nuss-Nougat, Waldmeister, weißer Pfeffer, alte Kirche, Lavendel … Die Liste könnte man ewig fortsetzten, denn der Geruch änderte sich alle paar Minuten. Was für ein irrer Wein. Am Gaumen gab es dann die volle Ladung grüner Apfel und Mandeln, inklusive einer krassen Säure und viel austrocknendes Tannin. Das Wort „Schmirgelpapier“ fiehl auch in diesem Kontext. Elektrisierend wie ein Griff in die Steckdose. Fast schon zu viel des Guten. Dieser Wein lies uns etwas ratlos bzw. geschockt dastehen. Mehr brauch ich dazu eigentlich nicht zu sagen.

2x Silvaner Rheinhessen: Wittmann und Schätzel

Weiter ging es mit zwei Silvanern aus Rheinhessen. Der 2011 Wittmann Silvaner 30 Jahre K&U Sonderedition ist ähnlich wie der Rutz Rebell von Kühn und Wagner eine Kooperation eines Weinhändlers und eines Winzers. In diesem Falle hat Philipp Wittmann die Wünsche von Martin Köstler der K&U Weinhalle erfüllt. Genauer gesagt wurden ca. 15 % der Trauben von Hand entrappt und im Halbstückfass mitvergoren. Nach der Gärung blieb dann die Maische bis Juni im Fass, wurde abgestochen und am Ende des Sommers gefüllt. Herausgekommen ist ein Silvaner, welcher nach reifen Ananas, Kokosmilch, Haribo Pfirsich, Bananenweizen und frischer Pfefferminze duftet. Auch am Gaumen in keiner Weise ein Extrem-Wein, sondern die schönen Eigenschaften des Silvaners durch leichte Phenole erweitert bzw. auf ein neues Level gehoben. Nach den Ankermühlen Rieslingen wirkte der Silvaner in der Runde fast schon „pleasing“ und konnte mit harmonischer Säure und seinem fruchtigen, breiten und anregenden Stil überzeugen. Für 13,50€ kann man hier auch durchaus von einem Schnäppchen sprechen! Weiter ging es mit dem 2011 Schätzel Silvaner Rothenberg. Dieser Wein hatte leider einen überaus deutlichen Fehl-Ton (Stall, Zwiebeln, Oxidiert), welcher wahrscheinlich durch den undichten und völlig durchnässten Korken hervorgerufen wurde. Leider kann ich hierzu nicht mehr viel sagen. Sehr schade.

Auch Weißburgunder wurde Orange.

Die letzten beiden Weine der Probe waren 2 Weißburgunder. Nummer 1 war der 2011 K.J. Thul Weissburgunder, Projektname „RR Ritsch-Radikon“ an diesem Abend. Auch dieser Wein ruht nun nach der Maischegärung seit 17 Monaten im Barrique-Fass und ist noch nicht gefüllt. Aromatisch und stilistisch kam er am nächsten an die Vorbilder aus dem Collio heran. Er duftete ganz vorzüglich nach Orangeat, Zitronat, Pumpernickel, Haribo Pfirsich und etwas Nagellackentferner. Letzteres stört aber in keiner Weise. Auch die Farbe machte ihn zu einem echten Orange-Wine. K.J. Thul hat hier alles richtig gemacht. Am Gaumen kitzelte uns ein „geiles Tannin“, ein Mundgefühl wie aus dem Collio (Jochen sagt: ja, original!). Dazu kommt neben den Orangeat/Lebkuchen Aromen etwas was an Apfelmaische erinnert. Im Nachgeschmack kommt dieses leicht Nussig/Oxidative zum Vorschein, getragen von getrockneten Orangen-Aromen. Sensationell. Wir waren alle sehr angetan von diesem Wein. Mehr möchte ich aktuell nicht drüber sagen. Der letzte Wein war vielleicht der konsequenteste alles hier verkosteten Weine. Es war der 2011 Balthasar Ress „Blanc de Blanc“ – ein Rheingauer Landwein, zu 100% aus Weißburgunder gekeltert. Laut Dirk Würtz, Betriebsleiter bei Ress, ist die Rebsorte hier aber egal, und dient nur als Träger für diese Art der Vinifikation: acht Tage Maischestandzeit ohne Luftzufuhr, danach Maischegärung und danach der Ausbau im neuen Tonneau-Fass. Herausgekommen ist ein Weißburgunder der Extreme. Ach was, ein Weißwein der Extreme. In der Nase frisches Holz, Vanille, viel Rauch, Stein, Gletschereis Bonbon, Mokka und grüne Paprika. Abgefahren, eigenwillig, faszinierend und einfach nur krass. Am Gaumen Extreme in allen Lagern: brutal trocken, oxidativ, kernige Phenole, harzig – das ist wie Kamikaze Kamasutra am Gaumen. Im Moment vielleicht noch etwas zu viel Holz, aber das ist der Typ von Wein, den es sich lohnt in den Keller zu legen um zu sehen, wie so ein „Bad Boy“ sich entwickelt. Hier hat Dirk einen Wein der Extreme geschaffen. Er ist absolut nichts für die große Weintrinkermasse und absolut nichts für die Wein-Sissi von Nebenan. Als würde B.A.Baracus dem lieben Bacchus einem auf die 12 geben. Wow.

Fazit.

Was hat uns diese Probe gezeigt? Nun, es gibt in Deutschland immer mehr Winzer die über den Tellerrand blicken und Weißweine für Weinfreaks produzieren. Doch keine Sorge, es werden noch lange Kleinstmengen sein, die man sich erfragen und danach suchen muss. Denn für einen Massen-Rollout an Orange-Wines in Deutschland ist das Land (noch) nicht bereit. Und das ist auch gut so.

Weitere Orange Wines bei Drunkenmonday:
Orange Wines Probe 1
Orange Wines Probe 2
Orange Wine: 2008 Roxanich “Ines u Bijelom” Cuvée

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19 thoughts on “Keine Tradition, etwas Revolution und wenig Manipulation: Deutsche „Orange Wines“

  1. Kann mich meinen Vorrednern nur anschließen (aber trotz Dopplung tut gemeinsame Begeisterung ja auch manchmal gut). Toll, dass Ihr diese besonderen Weine zusammengetragen habt. Und ich finde es wirklich ermutigend, wie Ihr damit zeigt, dass im deutschen Weinbau doch endlich auch mal ein paar Experimente gewagt werden. Klar, ich muss nicht jeden Abend einen Orange Wine haben, aber wenn es nur noch „verbraucherfreundliche“ Weine geben würde – ich glaube, das wäre das Ende.

  2. Pingback: Schwarzer Afghane und Orange Wine bei Schätzel in Nierstein — Blind Tasting Club – Wine and Dine Blog

  3. Pingback: Quo vadis Amphore: 2010 Vigneti Trebbio / Toskana IGT | Drunkenmonday Wein Blog

  4. Pingback: Tokaji Furmint Narancsbor 2011, Demeter Zoltan, Tokaj | Ungarn und Wein. BorWerk.

  5. Würde mich freuen, bei wine in black auch ab und zu sowas abgefahrenes zu finden. Vielleicht ergibt sich ja die Möglichkeit, dann gehöre ich zu den ersten Käufern 🙂

  6. Pingback: Fünf JAHRE Drunkenmonday Weinblog – Die 10 beliebtesten Artikel! | Drunkenmonday Wein Blog

  7. Pingback: Balthasar Ress “Blanc de Blanc” 2011 | orange wines

  8. Pingback: Ress Blanc de Blanc 2014 – orange-wines.de

  9. Pingback: 200 Prozent Riesling: 2013 Joern Riesling “Arancia” | Drunkenmonday Wein Blog

  10. Hallo Nico,

    am 8.10.2016 habe ich im „Bonner Weinzirkel“ eine Probe „Hochwertige moderne Silvaner“ aus Deutschland präsentiert. Darunter war ein flight mit Weinen, bei denen es auch um lange Maischestandzeiten ging. EIn Wein war der QuerKopf von Schätzel.
    Deswegen stelle ich hier mal die Flights und das Kurzresümee ein. Wir verkosteten:

    Flight 1: Leichtigkeit, Salz und Finesse

    2013 Sylvaner Steinterrassen Muschelkalk, Qualitätswein, trocken
    Weinhaus Stefan Vetter, Gambach, Franken
    Ø: 15,25, Platz 11

    2014 Röttinger Feuerstein, Silvaner Qualitätswein trocken
    Ökologischer Weinbau Stefan Krämer, Auernhofen, Franken
    Ø: 15,75, Platz 9

    2014 Tauberzeller Hasennestle, Silvaner Qualitätswein, trocken
    Ökologischer Weinbau Stefan Krämer, Auernhofen, Franken
    Ø: 16,5, Platz 7

    Hier hatte Stefan Krämers 2013er Hasennestle mit einer Durchschnittswertung von 16,5/20 Punkten die Nase vorne. Man schmeckt in der Dichte, wie lange die Reben schon ökologische Pflege genießen dürfen. Da kommt sein Röttinger Feuerstein sicher auch noch hin. Den Winzer sollte man im Auge behalten und das PLV ist tadellos. Schlusslicht war hier Vetters „Muschelkalk“ mit 15,25/20. An dem Wein störte viele am Tisch einfach die etwas zu oxidative Note und die flüchtige Säure. Kann man aber dran arbeiten.

    Flight 2: Freakstoff

    2013 QuerKopf, Silvaner, Rheinischer Landwein, trocken
    Weingut Kai Schätzel, Nierstein, Rheinhessen
    Ø: 14,65, Platz 12

    Challenge! 2014 Amphora K, Qualitätswein, trocken
    Bayrische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau, Veitshöchheim, Franken
    Ø: 16 , Platz 8

    2014 Appenheimer Eselspfad, Sylvaner Qualitätswein, trocken
    Weingut Jens Bettenheimer, Bingen, Rheinhessen
    Ø: 16,65, Platz 6

    Nun standen Weine auf dem Tisch, bei denen die Maische teilweise extreme Standzeiten abbekommen hatte. Aufgrund seiner Komplexität, Dichte, Würze und Länge mit dezenten Noten vom Ausbau in 25% neuem Holz hatte Jens Bettenheimers „Appenheimer Eselspfad“ am Ende die Nase vorn mit ausgezeichneten 16,65/20. Für 13,90 € ein wirkliches „Schnäppchen“.
    Respekt zollte uns aber auch das Studentenprojekt aus der LWG Veitshöchheim ab: „Challenge 2014, Amphora K“. Glasklar, saubere Birnenfrucht, Spiel, Dichte, Druck und gute Länge nach 9 Monaten Maischegärung und –standzeit in der Amphore? Wohl auf dem Land, das solche Weinbaustudenten hat! 16/20 – Chapeau!
    Die rote Laterne in diesem flight und in der gesamten Probe trug mit 14,65/20 leider Kai Schätzels „QuerKopf“ aus dem Jahrgang 2013. Hochambitioniert in der Weinbereitung und beeindruckend dicht, druckvoll und lang bei minimalem Alkohol, störten einfach die zu intensive flüchtige Säure und der massive Böckser. Vielleicht lag es auch am Jahrgang? Aber bei einem Preis von 32.00 € ab Hof ist der Wein keine Kaufempfehlung. Ohne die Fehltöne jedoch wär’s ein Hammerwein und eine Stilikone.

    Flight 3: Weine von einigen der ältesten Silvaner-Reben Deutschlands

    2014 „Uralte Reben“, Silvaner Kabinett, trocken
    Weingut Werner Emmerich, Iphofen, Franken
    Ø: 15,6, Platz 10

    2014 „75“ Niersteiner Silvaner, Alte Reben, Qualitätswein, trocken
    Weingut Eckehart Gröhl, Weinolsheim, Rheinhessen
    Ø: 16,65, Platz 6

    2014 „Creutz“ Sylvaner***, Qualitätswein, trocken
    Weingut Zehnthof-Luckert, Sulzfeld, Franken
    Ø: 17,05, Platz 4

    Als nächstes begegneten wir Weinen von den ältesten, wurzelechten Silvanerreben Deutschlands und vermutlich der Welt. Sieger war hier der „Creutz***“ von Zehnthof-Luckert mit 17,05/20. Hochreif, blitzsaubere Fruchtnoten, cremig, elegantes Spiel und ein langer salziger Abgang mit Tabaknoten im Nachhall. Ein Teilnehmer assoziierte, der Wein dufte wie elegante Pariser Damen auf Modeboulevards. Für 55,00 € erwartet man das aber auch! Sehr ehrenvoll geschlagen hat sich der „75“ von Eckehart Gröhl mit 16,65/20. Kühle Mineralität, Limettennoten durchwirkt von etwas Kokos, schöne Extraktsüße und eine elegante, vom hohen Extrakt gepufferte Säure ergeben einen noch viel zu jungen aber sehr animierenden, angenehm leichten Wein. Einzig der hohe Restzucker stand einer höheren Wertung im Weg. Hier wünschen wir E. Gröhl den Mut zur Konsequenz: RZ < 2 g und der Wein ist Weltklasse! (Dass das auch bei leichtem Alkohol zu schaffen ist, zeigt ja tendenziell Kai Schätzel.)
    Den 3. Platz nehmen die „Uralten Reben“ von Werner Emmerich ein. Bei einem Preis von 12.00 € für 15,6/20 gibt es über diese Rarität nix zu meckern. Ein absolut harmonischer, eher stiller, in sich ruhender Wein, der mit seiner sauberen Apfelfrucht, dezenter Mineralität, mittlerem Körper und Abgang im allerbesten Sinne ein „crowd pleaser“ ist.

    Flight 4: Vom Boden geprägte Mineralität

    2014 Asphodill, Homburger Kallmuth, Silvaner Grosses Gewächs
    Weingut Fürst von Löwenstein, Kleinheubach, Franken
    Ø: 17,05, Platz 4

    2014 Retzstadter Langenberg “Himmelspfad”, Silvaner Grosses Gewächs
    Weingut Rudolf May, Retzstadt, Franken
    Ø: 17,15, Platz 3

    2014 Julius-Echter-Berg, Silvaner Grosses Gewächs
    Weingut Hans Wirsching, Iphofen, Franken
    Ø: 16,7, Platz 5

    In diesem Flight murrten alle Weine erwartungsgemäß: „Wieso macht ihr mich schon auf?“ „Weil wir sooo neugierig sind.“ Klar, es ist eine Exkommunizierungsfähige Sünde, Silvaner-GGs aus dem Jahrgang 2014 im Herbst 2016 zu öffnen. Einreiseverbot nach Franken folgt auf dem Fuß.
    Der „Asphodill“ ließ gleich erahnen, wo er in 10 Jahren stehen wird – ganz oben. Rauch, Trockenblumen, Auberginennoten, kühle Eleganz und Salz am Gaumen sowie große Länge bezeugten „Ich komme vom Buntsandstein“. Gibt es noch einen Silvaner mit dieser klaren Sandstein-Terroirnote? Vielleicht von Stich. 17,05/20 Toll! Fette Pluszeichen dazudenken.
    Opulente Tropenfrucht, kühle Mineralität, opulenter, cremiger Extrakt, ein sehr lebendiges Spiel von Extraktsüße und hochreifer Säure und eine tolle Länge mit salzigem Finale sicherten Mays „Himmelspfad“ lässig 17,15/20 Punkten und damit knapp den ersten Platz im Flight und Platz drei der gesamten Probe.
    Herbe Kräuter, tiefe Würze, kraftvolles Extaktsüße-Säure-Spiel und monumentale, salzige Mineralität präsentierte der „Julius-Echter-Berg“ von Wirsching. Noch völlig unentwickelt. Keine Aussage über die hochklassische Qualität machen deshalb die „nur“ 16,7/20 Punkte. Das ist eine hedonistische Momentaufnahme hinter die man gedanklich drei fette Pluszeichen setzen muss. Der Wein ist einfach viel zu jung und wird bei 18-18,5/20 landen. Absolute Kaufempfehlung.

    Flight 5: Auf dem Holzweg? Silvaner von Unbekannten

    2012 Sur Sel, Sylvaner Qualitätswein, trocken
    Weingut Michael Teschke, Gau-Algesheim, Rheinhessen
    Ø: 17,55, Platz 1

    2013 ''Grenzstein'', Stettener Stein, Silvaner Spätlese, trocken
    Weingut Höfling, Eußenheim, Franken
    Ø: 17,05, Platz 4

    2014 Grüner Silvaner*** Réserve, Qualitätswein, trocken
    Weingut Stern, Hochstadt, Pfalz
    Ø: 17,25 Platz 2

    Dass Silvaner aus neuem Holz nicht schwer auf dem Holzweg ist und die (noch!) relative Unbekanntheit von Winzernamen keinen Schluss auf die Güte ihrer Weine zulässt, zeigte der letzte Flight auf eindrucksvolle Weise.
    Rang vier der Gesamtprobe machte hier der „Grenzstein“ von Klaus Höfling aus Eußenheim. Noch nie gehört? Dann aber jetzt hinhören: Feiner Duft nach Zitronenbiskuit, kühle Mineralik, trinkanimierender Zug und toller Druck am Gaumen ohne dabei auf Restzucker oder Alkohol zu setzen. Das kommt einzig aus dem wunderbaren, salzigen Extrakt und hat definitiv GG-Niveau. Die 16.80 € für diesen eleganten, harmonischen und sehr langen Silvaner aus neuem Holz mit 17,05/20 Punkten sind ein Spottpreis. Danke, Herr Höfling!
    In der gleichen Liga spielt Dominik Sterns „Grüner Silvaner*** Réserve“ und demonstriert, dass im Weinbau nicht immer das gleiche Gesetz gilt wie unter Immobilienhaien: Lage! Lage! Lage! Hier ist einfach ein Könner am Werk, der noch Großes zeigen wird. Der Wein ist saftig wie Mays Himmelspfad, hat ähnliches Spiel, Druck und Mineralität, zeigt sich im Duft aber vegetabiler mit ätherischen Kräuternoten und Holunder. Die Länge lässt nichts missen und 17,25/20 bedeuten aus dem Stand Platz zwei der gesamten Probe vor drei GGs. Und das für freundliche 16.50 €. Ach so: Wer nun bei Stern bestellen will, sollte den 2015 Sauvignon blanc Fumé und den Chardonnay Barrique gleich mitbestellen. Iss wie Ribery, Reus und Robben – erstklassig.
    Last but not least: Warum zum Teufel kennen so wenige Weinfreunde die Gewächse von Michael Teschke? Liegt es an den schrägen Namen? Dabei ist der beim „Sur Sel“ Programm. Wenn man den Schrauber knackt, grollt auch dieser Wein „Lass mich noch 10 Jahre in Ruhe!“ Später gönnt er einem trotzdem Noten von Gemüse, Sellerie, Lorbeerblatt, Kräutern. Den Mund wässernd wie der Duft einer courte boullion. Im Mund gibt er sich knochentrocken, fast karg, mit hocheleganter, straffer Säure. Dann streckt er einem seinen durchtrainierten, sehnig-eleganten Körper entgegen, der kein Gramm Fett zu viel oder zu wenig besitzt. Herbe Quitte. Und schließlich durchzieht salzige Mineralität diesen Wein, wie an der Küste die Meeresluft alles durchdringt. Großartige Länge. Das alles ist überhaupt nicht anstrengend sondern frisch, in phantastischer Balance und nur herrlich! In fünf Jahren groß! Mist, wo sind bloß die Austern?
    Platz eins der gesamten Probe mit 17,55/20. Preis: 17.50 € im Fachhandel.

    Alle Weine wurden vor der Probe ausreichend dekantiert und in Karaffen serviert. Verkostet wurde mit sehr viel Zeit und Ruhe, aufgedeckt wurde nach jedem flight. Die TN hatten keinerlei Vorinformation, was auf den Tisch kommt, außer dass es um Silvaner aus Deutschland ohne Piraten geht.

    Zwei Wochen zuvor hatte ich die Flights 2-5 auch bei einer Probe in der Brühler Weinhandlung "Ambrosia" vorgestellt.

    Die Resonanz war auch da sehr positiv. Mehrere Weine boten aus Sicht der Teilnehmer wirklich "großes Kino". Es gelang beide Male, die vorhandene Vorstellung von Silvanern deutlich zu erweitern.

    Schönen Gruß

    Thomas

  11. Wow! Sensationelle Probe Thomas! Zum Thema Kai Schätzel. Wir haben ihn kürzlich auf seinem Weingut besucht. Kai ist mit seinem „Schaffen“ im stetigen Wandel. Erfahrungen aus 2013, flossen in den 2014er Jahrgang und diese weiter in den 2015er. Somit war der 13er Querkopf nur ein „Snapshot“ und geht als Baustein in seinen Werdegang ein. MItlerweile ist er von dem Thema Maischegärung fast wieder gänzlich abgerückt…

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