Apropos Rheingau Riesling: Sechs Elfer aus dem Hause Kesseler

2011 August Kesseler Berg Schlossberg Riesling EG

(JR) Über August Kesseler aus Assmannshausen viel Worte zu verlieren, hieße Eulen nach Athen tragen. Die von uns und vielen anderen Weinliebhabern rund um den Globus bewunderten Pinots (August Kesseler im Gespräch mit Drunkenmonday) sind das Aushängeschild des VDP Weinguts und haben spätestens mit dem 2009er Jahrgang qualitativ zur Weltspitze aufgeschlossen. Unsere Einschätzung ist mittlerweile salon- und zitierfähig geworden. Oft wird dabei aber übersehen, dass ca. 40% der Weingut Rebfläche (8,4 ha) mit Riesling bestockt ist. Wir haben deshalb in einer Montagsprobe die aktuelle 2011er Kollektion von August Kesseler unter die Lupe genommen. Kann uns der Kesselersche Riesling ebenso überzeugen wie der Pinot?

Wir starten mit 2011 August Kesseler „Junge Reben“ Riesling Kabinett. Ein absolut stimmiger und eleganter Einstieg. Der feminin-florale Wein wäre weiter hinten im Line-up sicher missverstanden worden, was eine Nachverkostung zu späterer Stunde bestätigte. So aber zeigte er auf den noch unbelasteten Zungen eine tolle Balance zwischen angenehmer Säure, zarten Blütentönen (weißer Holunder, Apfelblüte), Mirabelle und dezenter Schiefer-Mineralik. Eine irre Kombination; so etwas gibt auf der ganzen Welt nur im Rheingau. Man kann dieses Getränk deshalb gar nicht genug loben ob seiner unaufdringlichen, vielschichtigen und trotz aller Subtilität nachhaltigen Art. Ein zartes Negligé von Wein. 88 Punkte.

Andacht: 2011 Rieslinge von August Kesseler

Der 2011 August Kesseler Lorcher Kapellenberg Riesling Kabinett trocken hat es gegen die „Jungen Reben“ nicht leicht. Die Nase von zerdrückten weißen Quitten, grünem Apfel, Limetten und nassem Stein ist intensiv, angenehm, offen. Das leichte, kühle Mundgefühl präsentiert sich zum jetzigen Zeitpunkt hingegen wenig harmonisch, denn eine prominente Säure schiebt sich da zu deutlich in den Vordergrund. Sauer macht lustig – sicher – aber wo ist nur die Frucht geblieben? Erst im Abgang kann man rote, unreife Johannisbeeren ausmachen, die allerdings von einer herb-salzigen Note flankiert werden. Auf der einen Seite wirkt der Wein zum diesem Zeitpunkt noch jung, unausgereift und etwas anstrengend. Auf der anderen Seite zeigt der ab Weingut noch erhältliche 2005er Lorcher Schlossberg Riesling Kabinett, welche tolles Reifepotential in den Kesslerschen Kabinetten steckt. Time will tell. 85+ Punkte.

Passend steht der 2011 August Kesseler Riesling Lorcher Schlossberg Spätlese trocken als nächster Kandidat auf dem Probentisch. Der Schlossberg ist eine der Vorzeigelagen in Lorch. Quarzit aus dem Taunus und Schiefer speichern tagsüber Wärme, die nachts an die Reben wieder abgeben wird. Zudem ist die mineralische Verfügbarkeit von Nährstoffen im Lößboden besonders hoch. Dies zeigt sich bereits in der zurückhaltenden Nase mit Impressionen vom nassen Stein, gelben Quitten und Nussig-Röstigem. Die laktische Note lässt auf einen gelungenen Säureabbau schließen, was sich auf der Zunge bestätigt. Schön ausgewogen und mit deutlich mehr Druck als die ersten beiden Weine kommt diese Spätlese daher. Das cremige Mundgefühl und der intensive Fruchtkern ergeben einen festen Körper, der aber Dank der gut gepufferten Säure schön frisch und lebendig bleibt. Hier haben wir wieder diese äußerst spannenden Gegensätze, die wie durch Zauberhand zusammenfinden und uns auch bei den Pinots so ausnehmend gut gefallen. 89+ Punkte.

Frisch aufgeschnittener Pfirsich, Holzfeuer und nasser Boden nach einem Sommerregen entströmen betörend dem Glas. Der 2011 August Kesseler Riesling Lorcher Schlossberg „Alte Reben“ Spätlese trocken (über 50 Jahre alte Reben) ist Nasenkino pur! Der Pfirsich setzt sich auch geschmacklich prominent fort und wird dabei von der lebendig-angenehmen Säure toll ausbalanciert. Das gelingt trotz aller Dichte und Üppigkeit nicht ermüdend, sondern aufgrund der Mineralität sehr animierend und strahlend. Der Abgang ist lang und intensiv und lässt retronasal immer neue Eindrücke aufsteigen (roter Pfeffer, Quitte, Würze). Ein facettenreicher Wein, der jetzt schon viel Spaß macht und in den nächsten Jahren sicher weiter zulegen wird. 90+P

Mit dem 2011 August Kesseler Rüdesheimer Berg Roseneck Riesling Erstes Gewächs sind wir in der Ersten Gewächs Klasse und damit in der ersten Reihe der 11er Kollektion angekommen. Erste Gewächse werden bei August Kesseler nur dann auf den Markt gebracht, wenn sie den Anspruch an einen großen Wein unabhängig von kommerziellen Überlegungen auch erfüllen. Und die Rechnung geht voll auf. Wir haben hier einen Bodybuilder im feinen Zwirn im Glas. Kühl, kraftvoll und geradlinig fließt der rassige Riesling über unsere Zungen. Ein anspruchsvoller Understatement-Wein, der in der Aprikosenfrucht herb-süße Honignoten zeigt, ohne aber klebrig zu wirken. Bratapfel zusammen mit Erinnerungen an Vanille-Gipferl lassen weihnachtliche Gefühle aufkommen. Die Nase verwöhnt ebenfalls mit Karamell, Aprikose, Honig, Kräutern, Joghurt und Schalotten! Ein absolut spannender, sehr gelungener Wein. 91+ Punkte

Notizen dürfen nicht fehlen...

Der letzte Wein war das 2011 August Kesseler Rüdesheimer Berg Schlossberg Riesling Erstes Gewächs. Süßliches Parfüm, saurer Haribo Pfirsich, Kräuter, erneut Honig und etwas Sauerkraut. Das sind die ersten Eindrücke im Glas. Im ersten Antrunk mild, verschlossen und mineralisch, eher französich daher kommend mit Lakritze, Kräutern (Oregano/Thymian), kühler Mineralik und wunderschönem Fruchtkern. Großartige, konzentriert wertige Struktur mit deutlich mehr Länge im Vergleich zum Roseneck. Einige Drunkenmondays sind der Ansicht, dass diesem Wein ein moderater Barrique Einsatz gut gestanden hätte. Darüber kann man geteilter Meinung sein, aber ein Wein, der zu solchen verrückten Ideen Anlass gibt, spricht für sich selbst. Großartiger Stoff! 92+ Punkte.

Fazit: Mit den 2011er Rieslingen hat August Kesseler großartige Qualitäten auf die Flasche gezogen. Sie zählen im Rheingau mit zu den Besten neben Leitz und P.J. Kühn. Schön, dass dabei die einzelnen Partien ihren ganz eigenen Charakter zeigen und nicht alle auf Dichte und Üppigkeit getrimmt wurden. Die filigranen „Jungen Reben“ und die Gegensätze vereinende Spätlese aus dem Lorcher Schlossberg erinnern dabei an die Struktur der Pinots aus gleichem Hause. Bravo!

-> August Kesseler im Interview auf Drunkenmonday.de
-> 1999 August Kesseler TBA vs. 1995 Chateau D’Yquem

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3 thoughts on “Apropos Rheingau Riesling: Sechs Elfer aus dem Hause Kesseler

  1. Pingback: August Kesseler bei Nachgefragt @drunkenmonday.de | Drunkenmonday Wein Blog

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