Badenwein aus dem Highend Sektor: Selektion Johner (SJ) aus 2009

2009 Johner SJ

(JR) Etwas mehr als ein Vierteljahrhundert ist das Weingut Karl H. Johner aus Bischoffingen im Kaiserstuhl erst alt. Dennoch haben Vater Karl und Sohn Patrick sich schon seit Mitte der 90er Jahre einen festen Platz in der Oberklasse der deutschen Weinszene erobern können. Klug fährt man das Konzept Klasse statt Masse, lässt sich bei den Spitzenweinen Zeit und reduziert zu Gunsten der Qualitäten den Ertrag. Dass Patrick Johner ein Überzeugungstäter ist, sieht man auch an seinen diversen Aktivitäten im Netz. Einige Kritiker meinen, dass er sich dabei manchmal etwas zu weit aus dem Fenster lehnt, aber klappern gehört nun mal zum Handwerk. Gerade für einen jungen Winzer bieten dafür Twitter, Facebook und Co. ein ideales Medium. Wir hatten die Gelegenheit, die Spitzenweine des zum Zeitpunkt der Probe noch nicht vollständig freigegebenen Jahrgangs 2009 verkosten zu können.

Als Amuse-Bouche starteten wir mit zwei einfachen Rivanern der Jahre 2010 und 2011 aus dem Hause Johner. Während der 10er mit dichtem Gelb und typisch würziger Nase recht vollmundig und sortentypisch daherkam, zeigte der 11er einige Besonderheiten. Die Farbe ist ungewöhnlich hell, in der Nase dominiert zunächst ein „Stinker“, was neben der Aromatik auf eine Spontangärung schließen lässt, mit etwas Luft aber wieder verfliegt. Dann entfalten sich dezente Muskat-, Apfel- und Kräutertöne sowie eine Hefenote. Der Gaumen ist recht opulent, extraktreich und frisch ausgefallen. Im etwas kurzen Abgang schleicht sich dann ein kontrovers diskutierter, leichter Bitterton und eine interessante Salzigkeit ein. Insgesamt ist der Wein frisch auf der Flasche noch etwas unruhig, was sich aber nach einigen Wochen auf der Flasche geben dürfte. Für ca. 9.-€ ein untypischer aber gerade deshalb schöner und interessant gemachter Rivaner, der nicht nur als Essensbegleiter funktioniert, sondern auch gut solo getrunken werden kann. 85/87 Punkte.

2009 Karl H. Johner Weißer Burgunder „SJ“ ca. 32€
In Deutschland wächst ein Drittel der Sorte (ca. 1140 ha) in Baden. Man kennt sich hier also bestens mit der Weißburgunder Rebe aus. Die im Süden mit dieser Sorte oft einhergehende fehlende Säure kann man deshalb im „SJ“ nicht feststellen. Im Gegenteil, hier wurde alles richtig gemacht. Selten habe ich bei einem Weißburgunder eine so perfekte, weil nicht aggressive, aber dennoch belebend-frische Säure verkostet.
Auch der bei einem Weißwein immer problematische Holzeinsatz ist gekonnt gemacht, da nur ein Teil des Lesegutes im Fass vergoren und der Rest im Stahltank ausgebaut wurde. So zeigt die volle Nase eine ungewöhnliche Tiefe, die an ein frisch zubereitetes Müsli erinnert. Auf der einen Seite stehen fruchtig-leichte Aromen von Birne und Weißdorn, auf der anderen Karamell, Vanille, Toast und Nüsse, die sich zu einem sehr leckeren Konglomerat ergänzen. Die Frucht könnte aber etwas weiter „vorne“ sitzen.
Dieser Eindruck bestätigt sich im Gaumen: Dichtes, schmelziges Mundgefühl mit breitem Entree und an Nussschalen erinnernde Bittertönen, wobei das Holz noch dominiert und auch hier die Frucht (weiße Birne, Holunder, Litschi) etwas im Hintergrund steht. Dies wird sich nach meiner Erfahrung aber durch die Flaschenreife noch harmonisieren. Der Wein steht schließlich erst am Anfang einer langen Entwicklung. Mit Blick auf den wahnsinnigen Extrakt und die phantastische Säure wird dieser trotz aller Dichte sehr elegante Wein mindestens 5 Jahre brauchen, um zusammen zu wachsen. Vin de garde. 91+ Punkte.

2009 Karl H. Johner Chardonnay „SJ“ ca. 29€
Fett, fett, fett. Alles fällt hier mehr als üppig im Vergleich zum Weißburgunder aus. Das hat aber seinen Preis, und so fehlt auf der anderen Seite etwas die Eleganz und Vielschichtigkeit. Die Nase zeigt dafür deutlich mehr Frucht (Apfel, Mango). Das Barrique ist intensiv wahrnehmbar. Im Antrunk zuerst sehr breit, cremig und opulent. Dann präsentiert sich eine dezente Säure auf der Zungenflanke. Im langen Abgang steigt retronasal leider etwas zu viel Alkohol auf. Gefallen hat der mineralisch-salzige Kern, der dem Wein gut steht und das massive Barrique ausbalanciert. Das alles erinnert an einen fokussierten Kalifornier. Ein toller Wein und „pleaser“, der sicher viele Freunde finden wird und bereits jetzt sehr gut zu trinken ist. 92 Punkte.

2009 Johner Spätburgunder SJ

2009 Karl H. Johner Grauburgunder „SJ“ ca. 30€
Dezente frisch-würzige Nase von gereiftem Boskop Apfel. Leicht alkoholisch. Im Gaumen dicht, zusammen, kompakt, gefällig und cremig. Irgendwie „einfacher“ als die Vorgänger, dafür sehr süffig, mit Anklängen an Zitronengras, Vanille und im Fruchtkern mit Honigsüße. Der viele Alkohol (14,5%) könnte besser eingebunden sein. Ein sehr guter Wein, der aber nicht ganz das Niveau eines großen Gewächses erreicht. Etwas zu teuer. 89 Punkte.

2009 Karl H. Johner Pinot Noir “Bischoffinger Steinbuck” ca. 35€
Das Lesegut stammt aus einer Süd/Ost-Lage und gedeiht hier unter optimalen Bedingungen. Im Jahr 2009 gab es durch natürliche Selektion nur wenig Lesegut, das dafür aber sehr kleinbeerig und gesund ausreifen konnte. Das zeigt sich schon in der Nase, die neben schönen Röstnoten von Espresso Kaffee, Vanille und Kirsche das wichtigste Merkmal eines großen Pinots aufweist: Kräutertöne. Zwar dezent im Hintergrund, aber doch da. Schön! Im Antrunk ein sehr dichtes Mundgefühl, Intensität pur. Der Wein ist sofort da, präsentiert sich offen, mit satter Kirschfrucht und mineralischer Kühle. Im zweiten Schluck kommen die schon in der Nase festgestellten Kräuter hinzu. Alles wirkt schon rund und zusammen, auch Dank der schönen „feinkörnigen“ Tannine. Tolle Länge im Abgang. Ein eleganter Pinot mit viel Potential. 91+ Punkte.

2009 Karl H. Johner Blauer Spätburgunder „SJ“ ca. 100€
80 Jahre alte, wurzelechte Reben – eine Seltenheit nach der Reblausplage – bilden die Basis für diesen Pinot. Nach einer Stunde im Dekanter zeigte sich der Wein trinkig und frisch. Typisch deutsche Nase: fruchtig, breit, Vanille, Kirsche und Himbeere auf der Fruchtseite. Leichter Pinotstinker nach Pferdestall. Am Gaumen viel Substanz. Die Kirschfrucht wirkt vor lauter Intensität schon leicht klebrig. Die Säure ist schön eingebunden und verleiht Frische ohne zu nerven. Viele Feinheiten, wie z.B. der vibrierende Abgang, erschließen sich erst nach und nach. Der Wein zeigt hier eine phantastische Länge. Für einen richtig großen Pinot fehlt allerdings das letzte Bisschen Druck auf der Zunge und die Kräuter in der Nase. Jammern auf hohem Niveau, sicher, aber bei dem (Phantasie?) Preis sollte das nicht unerwähnt bleiben. 92 Punkte.

Fazit: Die Johner Weine des Jahrgangs 2009 präsentieren sich überraschend zugänglich. Kann man hier von einem neuen Stil sprechen? Time will tell. Der Holzeinsatz ist bis auf den Chardonnay moderat ausgefallen, was der Komplexität der Weine zugute kommt. Die aufgerufenen Preise haben im Vergleich zum Vorjahrgang deutlich angezogen. Dies ist zum Teil sicherlich der geringen Erntemenge geschuldet. Im Falle des „Blauen Spätburgunder SJ“ kommt man jedoch ins Grübeln. Die Weißweine sind bis auf den Grauburgunder alle ihr Geld wert. Dicke Empfehlung!

Links:
Weingut Johner auf Facebook
Deutsche Webseite von Karl H. Johner

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3 thoughts on “Badenwein aus dem Highend Sektor: Selektion Johner (SJ) aus 2009

  1. Weltklasse Bericht. Besser und treffender kann man dies nicht zusammenfassen. Ganz großes Lob. Patricks 2009er Weine bewegen sich in auf enorm hohem Niveau. Die Erkenntnis, das Große Jahrgänge zu jedem Zeitpunkt munden bestätigt sich hier eindrucksvoll. Ich hatte für den Blauen Spätburgunder SJ sogar 93 Punkt im Block stehen.

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