„Lecker Bordeaux“ trifft auf „nicht lecker Flaschenfehler“

Lecker Bordeaux(JR) Marc Colavincenzo aus der Weinrebe Gießen und der Berichterstatter hatten sich zur Aufgabe gemacht, den Bordeaux Skeptikern, allen voran Nico Medenbach(NM), unsere Begeisterung für Bordeaux etwas näher zu bringen. Man findet im größten Weinanbaugebiet der Welt naturgemäß sowohl Licht als auch Schatten, was Qualität und Preise angeht. Aber es gibt eben auch unendlich viel im vernünftigen Preisbereich zu entdecken, trotz der unwirklichen Preisvorstellungen der Premier Crus. Aber mal ehrlich, welcher Autokäufer würde sich über die Preise eines VW „Phaeton“ aufregen, wenn er einen „Polo“ zu kaufen gedenkt? Eben. Die von uns beiden ausgewählten neun Weine der Jahrgänge 2000, 2004, 2005 und 2006 sollten zeigen, dass man in Bordeaux auch für 10, 20 oder 40 Euro Ausgabepreis einen Wein finden kann, der sich zu kaufen lohnt und die Preisabsurditäten der Premier Crus vergessen lässt.

Doch leider haben uns zwei Kork- und ein Flaschenfehler (Böckser) an diesem Abend einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Der 2004 Chateau Poujeaux ist ein bezahlbarer Spitzenwein des Jahrgangs, der 2005 Chateau Cambon la Pelouse ein Drunkenmonday-Geheimtipp und der 2006 Lieutenant de Siglas (Sauternes) ein gelungener Zweitwein von Chateau Siglas-Ribaud. Alle drei Flaschen hatten böse, fiese Fehler und waren schlicht ungenießbar! 30% Ausfall sind bitter und mehr als ärgerlich. Ich plädiere erneut für ein EU-weites Korkverbot! Bei der Glühbirne hat es doch auch funktioniert.

Kommen wir nun zu dem angenehmen Teil des Abends, den verbliebenen sechs Bordeaux Weinen nebst den Einschätzungen, Reaktionen und Wertungen der Gießener Weingruppe. Konnte die zwangsweise zusammengeschrumpfte Auswahl dennoch Freunde wie Skeptiker überzeugen?

Gestartet sind wir mit einem 2000 Chateau de Carles, Fronsac, 13€, 65% Merlot (ME), 30% Cabernet Franc (CF), 5% Malbec (MA). Das Durchschnittsalter der Rebstöcke beträgt 35 Jahre. 18-20 Monate im Barrique ausgebaut, 2. Belegung. Klassischer, moderater Holzeinsatz, der diesem Wein sehr gut steht. Rote Beerenfrüchte und durch die Flaschenreifung mürbe Tannine ergeben einen weichen, sehr angenehm zu trinkenden Wein. Meckern könnte man über den kurzen Abgang und die fehlende Tiefe. Ein ansatzweise erkennbarer Alterungston zeigte, dass eine weitere Lagerung nicht empfehlenswert ist. Insgesamt gesehen und mit Blick auf das Preisschild ist der 2000er Chateau de Carles sehr gelungen ausgefallen. 87 Punkte

Guter Kork, böser Kork ...2000 Chateau Moulin Haut Laroque, Fronsac, 23€, 65% ME, 20% CF, 10% CS, 5%MA. Intelligente Cuvée. Super Nase! Waldnoten, Pfeffer, kräutrig, Veilchenduft, Johannis- und Brombeerfrucht. Ein umwerfendes Bouquet! Hier bewegen wir uns in einer ganz anderen Spielklasse. Tolles, dichtes Mundgefühl, da Frucht und ausgereifte Gerbstoffe perfekt harmonieren; „Tannine al dente“. Dazu „Schokowürze“, Anklänge von Sandelholz und relativ viel (14%) aber gut eingebundener Alkohol. Bereits vor knapp zwei Jahren hier besprochen, hat der Wein deutlich zugelegt und jetzt seinen Höhepunkt erreicht, den er dank der stützenden Säure sicher noch die nächsten Jahre halten wird. Erstklassiger, reifer Bordeaux mit viel Finesse, der sein Geld mehr als Wert ist und im Vergleich zum Jahrgang 2004 wie ein femininer Gaumenschmeichler daherkommt! Ein Läufer gegen die Zeit. 92 Punkte

2004 Chateau Moulin Haut Laroque, Fronsac, 21€. In 2004 konnte es in den Sommermonaten kühl und regnerisch werden. Ein unterbewertetes Jahr, dessen Klimatik sich auch auf den Geschmack deutlich auswirkt. Der 04er Laroque ist nicht so körperreich wie der 2000er ausgefallen; wirkt klassischer, mit Kirsche sowie laktischen und grünen Tönen in der Nase und dichter, „vielfältiger“ Beeren-Kirsch-Kompott-Frucht auf der Zunge. Der Wein gibt sich mineralischer, feiner. Der Ausbau im Barriquefass macht durch Röstiges und Vanillin auf sich aufmerksam, ohne aber die Balance zu verlieren. Für das Geld absolut top! 90+ Punkte

2004 Chateau Cantemerle, Haut-Médoc, 32€. 68% CS, 25% ME, 7% PV, 12 Monte im Barrique, 50% neue Belegung. Rebstöcke Ø 30 Jahre. Dieser Wein hat Charakter und zu sehr unterschiedlichen Bewertungen geführt. Haben wir es hier mit einem spannenden oder eher strengen, unharmonischen Wein zu tun? Paprikanase, Vielfalt, Tanningerüst und die von der Säure-Pirouette und ätherischen Aromatik stammende extreme Frische wurden von den Fans gelobt. Die Kritiker monierten die unausgereiften Grüntöne, die bitteren Gerbstoffe sowie die aggressive, saure Johannisbeerfrucht. Einigen konnten wir uns darauf, dass die Flasche einige Jahre zu früh geöffnet wurde. Time will tell. 86/89+ Punkte

2004 Chateau Phélan Ségur, St. Estèphe, 35€. 55% CS, 45% ME. 14-18 Monate im Barrique, 50-60% neu, Rebstöcke Ø 35 Jahre. Dieser Wein hat die Erwartungen der Skeptiker leider voll erfüllt, was auch die Bordeaux-Afficionados eingestehen mussten. Die Nase ist verschlossen und „dumpf“, mit etwas Paprika und Johannisbeere im Hintergrund. Spitzes, grünes Mundgefühl mit weichem, laktischem Herz. Alles wirkt recht unverbunden, nicht zusammen. Sehr kurzer Abgang. Zu teuer. In diesem negativen Urteil waren wir uns alle einig, sehr zu meinem und Marcs Verdruss. Wenig Licht, viel Schatten. 83 Punkte

2004 Chateau Malescot St. Exupery, Margaux, 35€. 50% CS, 35% ME, 10% CF, 5% PV. 14-16 Monate im Barrique, 100% neu, Rebstöcke Ø 35 Jahre. Ein Wein, der den Abend versöhnlich ausklingen ließ. Süßliche Blau- und Johannisbeere, viel Vanille sowie ein Griff ins französische Kräuterregal zauberten während des Schnupperns ein Lächeln auf die Gesichter. Auch auf der Zunge ist der kleine Prinz eine Offenbarung. Zart tänzelnd umspielt er intensiv die Geschmacksknospen. Schön angereifte Tannine, Gewürze, Vanille, ein fleischiges Mundgefühl und Beerenfrüchte ergeben einen perfekten, modernen Bordeaux-Stil. Der St. Exupery hat noch viel Potential und präsentiert sich nicht zu konzentriert aber mit viel Geschmack und Kraft am Gaumen. Diesen Gegensatz ins Glas zu bringen ist einer der Gründe, Bordeaux zu lieben. Lux aeterna. 91+ Punkte

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6 thoughts on “„Lecker Bordeaux“ trifft auf „nicht lecker Flaschenfehler“

  1. Spannender Artikel – beim verkorkten Poujeaux tut einem das Herz weh. Gerade dieses Chateau zeigt Jahr für Jahr eine ausserordentliche Qualität zu sehr guten Preis-Leistungs Verhältnis. Selbst der 2010er Jahrgang, der bei vielen bordelaiser Weingütern extrem dicht und schwer wurde, ist bei Poujeaux fein, elegant und nicht zu überkonzentriert.

    Kork gehört „beerdigt“ -> Randell Grahamm hat ihn bereits 2002 unter dem Titel „Funeral for the Cork“ bestattet: https://www.bonnydoonvineyard.com/uploadedFiles/Ch15%20The%20Funeral%20for%20The%20Cork.pdf

  2. Für das Korkverbot plädiere ich mit; bin zwar nicht sicher, ob ich auch unterschreiben würde, wenn es zum Schwur käme, aber der Ärger über eine versaute Flasche lässt sich auch mit einem Reparaturwein kaum bekämpfen.

  3. EU-weites Korkverbot? Genau. Alles verbieten. Den Wein gleich mit!

    Dank solcher Beiträge wird der EU-Irrsinn auch noch geistig unterstützt.

  4. Hallo, ich möchte sagen eine gelungene Schreibe kann den das Kork malheurs schon fast wieder ausgleichen – und ich denke viele händler und auch Otto-Normal-Verbraucher haben das schon erlebt.
    Der Kunststoffkorken bietet Nostalgikern doch den gleichen Spass – ansonsten sind Drehverschlüsse ja auch auf dem Vormarsch – nur – was würde ein neues EU Verbot bei einem 2000er Jahrgang bringen? Dürfte man den Wein dann nicht mehr (ver)kaufen? Müsste man ihn aus den Flaschen ausgiessen?

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