Sangiovese Classico: Felsinas „Fontalloro“ Vertikale

Fontalloro Vertikale

(NM) Ein Höhepunkt des Drunkenmonday’schen Pre-Weihnachtsverkostungskalenders war die mit viel Aufwand zusammen getragene Vertikal-Verkostung von Felsinas „Fontalloro“. Oft wird dieser IGT fälschlicherweise in die Ecke der Cabernet/Merlot-lastigen „Super Tuscans“ gesteckt. Doch Fontalloro war und ist immer ein Wein aus 100% Sangiovese. Der IGT (früher Vino da Tavola) Status liegt aber an der Tatsache, dass die Sangiovese-Trauben für den Wein aus drei unterschiedlichen Weinbergen stammen: dem Namensgebenden Fontalloro (oder auch Poggio al Sole) im Chianti Classico und Casalino und Arcidossino im Anbaugebiet Chianti Colli Senesi. Die nach Südwesten gerichteten Weinberge liegen im Schnitt ca. 400 Meter über dem Meeresspiegel. Zum Teil sind die Reben bis zu 50 Jahre alt. Der Wein reift nach der malolaktischen Gärung 18-20 Monate in Barriques und wird nach weiteren 8-12 Monaten Flaschenreife auf den Markt gebracht. Geöffnet wurde an diesem Abend Fontalloro aus den Jahren 1990, 1997, 2000, 2003, 2005 und 2007. Somit hatten wir eine großartige Möglichkeit die Lager- und Entwicklungsfähigkeit dieses Weines zu beobachten. Alle Weine außer dem 1990er und 1997er wurden 90 Minuten vor der Probe dekantiert.

Auf alten Pferden lernt man …

1990 Fontalloro - welch eine Farbe!Die Verkostungsreihenfolge wurde ausgewürfelt, da die eine Hälfte am Tisch „Jung nach Alt“, die Andere „Alt nach Jung“ präferierte. „Alt nach Jung“ gewann. Somit starteten wir mit dem 1990 Felsina „Fontalloro“, welchen wir schon einmal hier auf unserem Blog vorstellten. Auch dieses Mal wurde ein großer Wein ins Glas ausgeschenkt. 1990 gehört mit 1997 zu den beiden besten Jahrgängen der letzten 20 Jahre in der Toskana. Alleine die Farbe sprach Bände. Im Glas suchten wir vergebens nach den Zeichen des Alterns. Ein dichtes Rubinrot mit durchsichtigem Rand strahlte uns an. Auch die Nase versprach großes Weinerlebnis. Enorm vielschichtig zeigte sie Aromen von Zimt, Spekulatius, Weihnachtsgewürzen, Veilchen, Orangenschalen, Cassis, Rumrosinen und reifer Sauerkirsche. Doch alles wirkt sehr fein und keinesfalls Laut. Auch am Gaumen setzt sich der Eindruck fort, als thronte der Wein erhaben über das Alter. Das Tannin ist mürbe aber extrem fein und belegt immer noch den kompletten Mundraum. Die Säure trägt den Wein lebensverlängernd durch Zeit und Raum. Holzausbau und Wein sind eins geworden. Ein Wein für ruhige Momente am Kamin. Jeder Schluck fasziniert aufs neue. Großartig! Aus der Runde gab es 93-95 Punkte für dieses Schmuckstück von Wein.

Somit wurden an den 1997 Felsina „Fontalloro“ große Erwartungen gesetzt. 1997 gilt als das Über-Jahr im toskanischen Weinbau der letzten Jahrzente. Der Wein wirkte im Glas noch einmal eine Spur dichter und voller wie der 1990er. In der Nase bildete sich ein Bollwerk aus konzentrierter Frucht (primär Sauerkirsch), leicht metallischen Noten, Mokka und einigen ätherischen Verwirbelungen. Hier regierte die breite Brust des Sangiovese, wie sie nur in großen Jahren auftreten kann. Am Gaumen butterweich im Antrunk, volle Konzentration in der Mitte und belebende Säure im Abgang. Nicken und lächeln am Tisch. Das Tannin wurde eins mit dem Wein, die Frucht zeigte sich jungendlich und fast noch „primär“. Ein Weingigant welcher sich jetzt in seiner perfekten fruchtbetonten Trinkphase befindet. Auch hier wird wie wild in den Punktetopf gegriffen und 94-95 Punkte herausgeholt. Ein großer Wein!

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1990 1997 2000 Fontalloro2000 sah die Welt schon ganz anders aus. Aus dem offiziell nur als „gut“ (3 von 5 Punkten) bewerteten Jahrgang hatten wir den 2000 Felsina „Fontalloro“ im Glas. Wo 1990 und 1997 eher den Sommer versprühten, hatten wir mit dem 2000er eher den Herbst im Glas. In der Nase hatten wir getrocknete Steinpilze, nasses Laub, Waldboden, mehlige Erbsen, Leder, Haselnuss, etwas Cassis und Schwarzkirsche. Insgesamt nicht so expressiv, eher derb und animalisch im Geruch. Im Mund dann „pfeift der Wein auf allen Orgeln und kickt am Gaumen mit Präsenz“! Ein Wein welcher auf Krawall gebürstet ist, vergleichbar mit einem übermütigem Jungspund in der wilden Phase seiner Entwicklung. Doch irgendwie animierend und faszinierend. Definitiv nicht so „pleasing und charming“ wie seine beiden Vorgänger. Krasser Stoff. Am Tisch zwischen 90 und 92 Punkten bewertet.

Der folgende Wein war eindeutig als Opfer des 2003er Hitzesommers zu identifizieren. Der 2003 Felsina „Fontalloro“ schleudert den Fruchtkorb förmlich aus dem Glas. Reife Himbeeren, Pflaumenkompott, Sauerkirschen, Vanille und etwas Weihnachten kitzelten massiv in der Nase. Am Gaumen notierte ich: Ein Maul voll Wein – viel Frucht – Tannine gehen unter – die Säure kämpft für Frische – für Freunde des fruchtigen Weins – irgendwie noch unter Kontrolle – anstrengend auf Dauer. Ich glaub hier bedarf es kaum noch Worte, obwohl diese extremen Bedingungen hier noch relativ gut in die Flasche gebracht worden sind. Bewertet wurde hier um die 90 Punkte.

High End-Spurt!

Top Korken!Weiter ging es mit dem 2005 Felsina „Fontalloro“. Auch der Jahrgang 2005 wurde in der Toskana nur als „gut“ (3 von 5 Punkten) bewertet. Das hindert aber einen guten Winzer nicht auch in durchschnittlichen Jahren große Weine in die Flasche zu bringen. In der Nase überzeugt die 2005er Version mit kühler Frucht- und Würzaromatik. Dazu gesellen sich Noten von Mokka, Schokoplätzchen und etwas Vanille. Sehr vielversprechend. Geschmacklich befindet sich der Wein gerade auf dem Höhepunkt der feinen Primärfruchtphase. In der Breite noch etwas verschlossen, zeugen die animierende Säure und das feine Tannin aber von gutem Reifepotential. Er erinnerte uns ein wenig an eine jugendliche Version des 1990ers. Leckere 91-93+ Punkte aus der Runde. Bitte weglegen!

Wir beendeten die Probe mit dem aktuellen 2007 Felsina „Fontalloro“. Dieser bestacht durch jugendliche Attraktivität. In der Nase ungemein frisch und animierend. Noten von reifer Kirsche, Minze, Marzipan, Gletschereis Bonbon, Teer und geröstetem Holz machten uns den Mund wässerig. Am Gaumen gab es förmlich einen Frischekick. Klassisch Sangiovese, animierend, kühl, lebendig und harmonisch gefiel uns diese Version der „jüngeren“ Fontalloro am besten. Zudem hatte der Wein ein großartiges Frucht/Würze Verhältnis. Für gute 30€ wird hier ausgesprochen viel toskanische Lebensfreunde via Sangiovese in das Glas gebracht. Ein großer Wein mit sehr gutem Reifepotential. Zugreifen! 93-94+ Punkte wurden vergeben.

Links:
Video-Blog: Piero Sini besucht Felsina Part 1/2
Video-Blog: Piero Sini besucht Felsina Part 2/2

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4 thoughts on “Sangiovese Classico: Felsinas „Fontalloro“ Vertikale

  1. Pingback: Fèlsina | “Fontalloro“ in der Vertikale auf nachgeschenkt.de – der Weinblog von superiore.de | Wein Italien | Winzer Italien | Wein Welt

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