(NM) Wein aus Franken? Klar, kenne ich: In Bocksbeutel gepresste Silvanerexzesse. Weinromantik direkt am Main. Doch wenn man sich der Heimat des Winzerhofs Stahl nähert, sieht man kein Main und schon gar keine Reben. Ich muss ehrlich gestehen, die mit Kopfsteinen gepflasterte Hauptstraße des Ortes Simmershofen, welche man passieren muss um in Auernhofen zu den Stahls zu kommen, erinnerte mich eher an Milchkannenromantik wie an Weinromantik. Keine Reben weit und breit. Doch das lässt mich nicht abschrecken. Gut gelaunt und entspannt treffe ich Christian Stahl auf dem Weingut. Nur die Zeit wäre etwas knapp, da in 30 Minuten 200 Gäste einer Hochzeitsgesellschaft kommen werden, welche im Winzerhof Stahl und dem anhängenden Restaurant ordentlich feiern möchten. Gutes Timing für einen Spontanbesuch, Herr Medenbach.
Herrlich unfränkisch
Den Winzerhof Stahl gibt es nun schon seit 1984. Einen Quantitäts- und vor allem Qualitätsschub gibt es seit dem Sohnemann Christian die Zügel in der Hand hat. In der Zeit von 2005 bis 2011 wuchs die Größe der gepachteten Weinberge von 2,5 Hektar auf stolze 15 Hektar. Mit viel Mühe wurden die besten Lagen für Müller-Thurgau in den Gebieten Maintal, Steigerwald und Taubertal zusammen getragen. Wo wir auch schon beim Thema wären: Müller-Thurgau. Neben Silvaner, Scheurebe, Sauvignon Blanc, Riesling und etwas Weiß/Grauburgunder spielt im Weißweinbereich der „Müller“ die Hauptrolle auf dem Weingut. Um ehrlich zu sein waren es die Einzellagen Müller-Thurgau von Christian Stahl, welche diese Rebsorte für mich zurück in den Qualitätsweinpool gehoben haben. Mit Stuart Pigott wurde im Jahr 2009 (neben etlichen anderen Aktivitäten) zusammen ein „Über-Müller“ auf die Flasche gebracht. Ein Projekt, welches einen Müller-Thurgau in „Große Gewächs“ Sphären heben sollte. Probiert habe ich das Endprodukt noch nicht. Ich hoffe eine Verkostungsnotiz wird hier noch folgen.
Auch die wenigen Rotweine tragen die unverkennbare Handschrift des Winzerhofs Stahl. Wie auch ein Großteil der Weißweine findet man gerade die Roten in der Spitzengastronomie in ganz Deutschland wieder. Dies ist auch ein Grund dafür, warum die Weine in Deutschland recht schwierig zu finden und dem entsprechend auch nicht im großen Stile bekannt sind. Wer einmal einen Müller-Thurgau zum Beispiel aus der Lage Hasennest probiert hat, wird schnell feststellen, zu welchen Qualitäten diese Rebsorte in den richtigen Händen im Stande ist.
Die Trauben für den 2010er Winzerhof Stahl Müller-Thurgau „Hasennest“ wachsen auf steinigem Muschelkalkboden um Tauberzell. Dieser Wein läuft unter dem „Damaszener Stahl“ Label, quasi die mittlere Qualitätskategorie der Stahls. Der Einstieg nennt sich „Feder Stahl“, die Spitze „Edel Stahl“. Hier wird konsequent auf die Prädikatsbezeichnung verzichtet. Alle Weine verlassen den Hof als QbA. Schon beim ersten Schnuppern zeigt sich, wie gut auch Müller-Thurgau den Muschelkalkboden als Terroir-Träger umsetzt. Ein geradliniger mineralisch/kalkiger Kern wird von zarten floralen Noten (Rosenwasser) und feinen Zitrusaromatik (Zitronensorbet) umgeben. Glasklar und mit betörender Frische springt hier die Aromatik aus dem Kelch. Am Gaumen wird das Thema, getragen von einer fokussierten Säure wunderschön umgesetzt. Die erfrischende Mineralik-Komponente und der geradlinige Stil sind einem großen und trockenen Riesling nicht unähnlich. Müller-Thurgau auf einem anderen Niveau. Für mich bewegt sich der Saft schon nahe an die 90 Punkte heran. Der zweite Einzellagen 2010er Müller-Thurgau „Herrschaftberg“ (aus der Region Steigerwald, gewachsen auf Gipskolpe) war leider schon ab Winzerhof ausgetrunken. Doch meine Neugierde ist geweckt.
Der 2009er „Roter Stahl“ hingegen ist eine Cuvée aus 40% Spätburgunder und 60% Regent. Ebenfalls auf 100% Muschelkalk gewachsen. Auch er zeigt in der Nase neben duftenden Amarenakirschen, Johannisbeeren, etwas Marzipan, getrockneten Kräuter und Veilchen diese karge, fast schon kalkige Note. Diese kommt auch am Gaumen deutlich zu tragen und verleiht dem Wein neben der zarten Fruchtigkeit eine eher schlankere, aber feste Struktur. In diesem jungen Alter ist der 12 Monatige Barriqueausbau noch ein wenig Vordergründig. Ein wenig Kellerruhe sollte man ihm noch geben, obwohl er sich auf Grund des reifen Tannins mit etwas Luft jetzt schon sehr gut trinken lässt. Für mich 88-89 Punkte. Für 9€ ab Weingut ein „no brainer“!
Winzerhof Stahl: Ein fränkisches Weingut mit hervorragenden Ambitionen „Stahl Wein in Franken“ zu produzieren. Kein Frankenwein von Stahl. Kein Bocksbeutel. Alleine die Tatsache, die 2009er Scheurebe „Rauschgift“ zu nennen, macht den Laden für mich ausgesprochen sympathisch. Darauf hin wurde natürlich in „feindlichen Lagern“ sehr laut getrommelt. Die 2010er Scheurebe kam dann logischer Weise als „kalter Entzug“ auf den Markt. Ob bei so viel kreativer Namensgebungen irgendwann einmal der VDP an die Türe klopft? Schauen wir mal. Einen heimlichen Fan hat der Winzerhof Stahl auf jeden Fall mehr: Mich.
Webseite des Weingutes
Müller-Thurgau Probe bei Drunkenmonday
Weine von Winzerhof Stahl bei Wein Forster kaufen
Scheurebe „Rauschgibt“ ? Was will der Künstler damit sagen? Ich kenne dieses Weingut nicht, aber der nach diesem Artikel ist Probieren der Weine fast schon Pflicht.
Es ist natürlich „Rauschgift“ gemeint 😉
Richtig, soll naürlich „Rauschgift“ heißen 🙂
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ich habe die tage mal über das weingut stahl recherchiert und habe ein feines Video über das weingut und die winterernte gefunden: http://www.der-weinmakler.de/home/Winzerhof-Stahl-Weingut,4844.php
einfach auf bilder und videos gehen und unbedingt reinschauen