Hinter den 7 Bergen bei den 7 … Chasselas und co aus der Schweiz, oddr?

Schweiz und Wein (NM) Ich muss ja ehrlich zugeben, dass mich Schweizer Wein bis dato nicht wirklich interessiert hat. Wieso auch? Das ganze gute Zeug wird lokal im Heimatland gesoffen (nur 1–2 % der in der Schweiz erzeugten Weine werden exportiert!) und dank der Sonderstellung der Schweiz in der EU kostet das importierte Zeug hier richtig Geld. Doch Drunkenmonday schickte einen unserer Mitglieder als Urlauber getarnt in das Land von Käse, Uhren und Schoki um den guten Stoff nach Deutschland zu bringen. Und Marc machte einen verdammt guten Job! So standen nun 6 Chasselas (auch Gutedel nördlich der Alpen genannt), ein Chenin Blanc, ein Sauvignon Blanc und ein „Altesse“ der Winzer Louis Bovard, Blaise Duboux und Henri Cruchon auf unserem Probiertisch. Es sollte wirklich ein außergewöhnlicher und spannender Abend werden.

Heimatliebe

Was dem Deutschen der Riesling, ist dem Schweizer der Chasselas. Mit teilweise sehr viel Hingabe und Mühe wird die zarte weiße Rebsorte auf 4073 Hektar der 14.841 Hektar Gesamtrebfläche der Schweiz angebaut. In Deutschland auch als Gutedel bekannt, bekommt die Rebsorte hier nur wenig Aufmerksamkeit im „Premium-Segment“. Ganz anders in der Schweiz. Hier produziert Chasselas nicht nur einfache und fruchtbetonte Weine, sondern kommt auch als „Terroir-Träger“ in steilsten Steillagen zum Einsatz. Dort entstehen extrem bodengeprägte und facettenreiche Weine. Einige von diesen wachsen am den Hängen des Genfersees. Und genau diese wanderten in unsere Probierstube.

Der Kanton Waadt (französisch Vaud) liegt wie beschrieben an dem Nordufer des Genfersees. Alle unsere Weine heute stammen aus diesem Kanton. Der Winzer Henri Cruchon kommt aus der Region La Côte, welche die Weinberge zwischen Lausanne und Genf vereint. In diese Region hat auch die Gemeinde Morges den Status einer AOCs. Um die Sache weiter zu verkomplizieren gibt es in Morges auch einige Weinberge, welche als „Grand Cru“, also „Morges Grand Cru“ klassifiziert sind. Louis Bovard und Blaise Duboux hingegen kommen aus Lavaux, ebenfalls am Genfersee gelegen, genauer gesagt zwischen Lausanne und Montreux. Die Weine stammen aus den AOC’s Épesses, Dézaley (teilweise Grand Cru, 53 Hektar), Calamin (Grand Cru, 1,5 Hektar) und Saint-Saphorin. Doch genug nun der geografischen Exkursion. Die Weine, oddr?!

Henri Cruchon Chasselas2010 Henri Cruchon „Le Morget“ Cuvée Vielles Vignes / AOC Morges
100% Chasselas, 11,5% Alkohol – Henri Cruchon bewirtschaftet 35 Hektar in Morges. 70% davon werden Biodynamisch bewirtschaftet. In der Nase zeigt der Wein zarte weiße Blüten, etwas Zitrus, grüner Apfel und leichte Mineralik. Sehr frisch und ausgewogen. Am Gaumen leicht cremig, mit einer feinen, im Abgang deutlich werdenden Säure. Auch etwas Lakritz gesellt sich dazu. Schmeckt und geht sehr elegant die Kehle runter. Für umgerechnet 10€ ab Weingut sehr gutes „Saufzeug mit Niveau“. 88 Punkte.

2010 Henri Cruchon „Les Pétoleyres“ / AOC Morges Grand Cru
100% Chasselas, 12,5% Alkohol – Der „Les Pétoleyres“ wirkt noch deutlich verschlossener wie sein kleiner Bruder „Le Morget“. Auch die ersten Gedanken an konsequenten Babymord an diesen Flaschen keimten auf. Auch dieser Chasselas zeigte schöne Blütenaromatik, Zitronencreme, etwas Birne und eine „frische Brise“ in der Nase. Doch gerade am Gaumen zeigte er uns trotzig: Ich bin noch viel zu jung. Die wunderschöne cremige Art, der etwas kräftigerer Körper und höhere Extrakt verpackt in feinsten Birnenaromen ließen sich nur schwer entlocken. Liegen lassen! Ca. 15€ ab Weingut. 88-90 Punkte.

Blaise Duboux Dezaley2010 Blaise Duboux „Corniche“ Dezaley Grand Cru / AOC Lavaux
100% Chasselas, 12,5% Alkohol – Herr Duboux ist in 17ter Generation Winzer in Épesses. Er bewirtschaftet 5 Hektar Weinberge in dieser Region. Für ihn ist Chasselas der ideale Transmitter des Terroir seiner Heimat. Dies bezieht er auf die „Neutralität der Traube“, welche alles umsetzt, was man mit ihr macht. Der „Corniche“ versprüht eine rassige Mineralische Note in der Nase, gewürzt mit Zitrusnoten, „blauen Blüten“ (Veilchen, etc.), wieder Birne und etwa roter Johannisbeere. Am Gaumen gefällt mir die Struktur des Weines deutlich besser wie sein Geschmack. Bildlich vorgestellt wird ein cremiger Kern von einem festen und mineralischen Mantel umgeben, und eine zarte und feine Säure trägt den Wein sehr lange über die Geschmacksabnehmer. Für mich ist das „Gefühl“ des Weines im Mund mindestens 91 Punkte wert. Den Geschmack habe ich getrennt nur mit 85 Punkten bewertet. Macht das Sinn? Vielleicht, doch haben wir auch hier den Wein etliche Jahre zu früh getrunken.

2009 Blaise Duboux „Haut de Pierre“ Dezaley Grand Cru / AOC Lavaux
100% Chasselas, 12,7% Alkohol – Blaise Duboux geht mit den Grand Cru Stücken der Lage/AOC Dezaley einen ähnlichen Weg wie zum Beispiel Reinhard Löwenstein mit seinem Uhlen: Unterschiedliche Parzellen mit unterschiedlichen Böden werden separat ausgebaut und ergeben separate Weine. Der die Reben in der Parzelle für den „Haut de Pierre“ wachsen auf Kalk. Auch hier lässt die Nase großes versprechen: Intensives Bukett, absolut vielschichtig, Feuerstein, gelbes Kernobst, Blumig frisch. Das könnte man glatt mit einem sehr guten Weißburgunder verwechseln! Doch dann im Mund tritt der Wein ordentlich auf die Bremse. Phenolisch bitter, kaum Frucht, herb und schwierig. Auch hier muss man sich auf das Versprechen des Winzers verlassen, dass sich ein Dezaley Grand Cru Chasselas seine wahre Größe erst nach 8-10 Jahren Flaschenreife zeigt. Glauben wir ihm mal. Keine Bewertung.

2010 Blaise Duboux Calamin Grand Cru / AOC Lavaux
100% Chasselas, 12,7% Alkohol – Auf der nur 1,5 Hektar große Grand Cru Lage/AOC „Calamin“ entstehen die „männlichsten“ und „kräftigsten“ Chasselas in Lavaux. So zumindest die einheitliche Meinung diverser Schweizer Winzer aus der Region. Uns überrascht der 2010er Calamin von Duboux durch seine extrem frische und mineralische Art. Auf der einen Seite karg mit viel fast staubiger Mineralität, Zitrus, Mandel und etwas Waldmeister in der Nase, wirkt der Wein am Gaumen ungemein lebendig, spritzig und rassig. Ein Wein der förmlich zum kauen animiert. Ein junger Hüpfer mit Rückgrat und Seele für ein langes Leben. 89-90+ Punkte würde ich hier vergeben.

2009 Louis Bovard „Ilex“ Calamin Grand Cru / AOC Lavaux
100% Chasselas, 12,8% Alkohol – Der für mich schwierigste Wein des Abends. Dieser Wein roch und schmeckte nach Barrique. Punkt. Er wurde in neuem Barrique vergoren und ausgebaut. Aber ist das Chasselas? Ich könnte jetzt das ganze „Vanille-Karamell-neues Holz-ordentlich getoastet“ Ding aufzählen. Spar ich mir aber. Das einzige was an diese feine Rebsorte erinnert, ist die zarte Säure die sich erfolgreich durch den dichten Wald schlägt und im Abgang freundlich auf der Zunge winkt. Der Winzer verspricht eine gelungene Holzintegration nach 10 (?) Jahren oder mehr. So lange konnten wir an dem Abend nicht warten. Replizierbar nahezu überall auf der Welt, wo viel Geld für hochwertige Barriques ausgegeben wird. Nicht mein Wein. Keine Bewertung.

Henri Cruchon Altesse2010 Henri Cruchon Altesse / AOC Morges
100% Altesse, 13% Alkohol – Altesse? Nie gehört? Macht nichts, wir auch nicht. Altesse (oder auch Roussette genannt) wird nur noch von ganz wenigen Winzer in dem Kanton Waadt (und auch darüber hinaus) angebaut. Man munkelt, dass diese aromatische Rebsorte mit dem ungarischen Furmint verwandt ist. Wie dem auch sei, dieser Altesse ist einsame Spitze! Die Nase versprüht ein Feuerwerk an Aromen: Zitrusfrüchte aller Art, Bergamotte, frische Bergkräuter – die Runde kam aus dem Riechen nicht mehr raus. Auch am Gaumen explodierte es weiter. Die leichte Restsüße ließ den Wein unglaublich vielschichtig und aromatisch über die Zunge tanzen. Ein ganzer Fruchtkorb von Zitrone über Stachelbeere bis Physalis kam uns in den Sinn. Dazu ein wunderschönes Süß/Säure Spiel. So lasse ich mich gerne von mir unbekannten Rebsorten überraschen. Zack: 92 Punkte.

2009 Louis Bovard „Buxus“ Èpesses Grand Cru / AOC Lavaux
100% Sauvignon Blanc, 13,5% Alkohol – Auch dieser Wein wurde von Louis Bovard im Barrique ausgebaut, doch hier wirkt das Holz perfekt „Rebsorten unterstützend“ und dominiert nicht von Vorne bis Hinten. In Verbindung zeigt dieser Sauvignon Blanc aka „Buxus“ welche Aromenvielfalt diese Rebsorte mit gekonntem Holzeinsatz in das Glas bringen kann. Brennnessel, Johannisbeerblätter, irgendwas „geräuchertes“, cremig, zart… Es fällt schwer das in Worte zu fassen. Ein Mittrinker am Tisch verglich den Wein mit einem reifen „Quarz“ der Cantina Terlan. Am Gaumen dann faszinierend vibrierend, perfekte Säureunterstüzung, intensiv, dicht, aber trotzdem verspielt und animierend. Ein ganz großer Sauvignon Blanc, wenn nicht der beste, den ich bis Dato im Glas hatte. Der Abgang hielt sich über 90 Sekunden am Gaumen. Fantastisch, für umgerechnet 27€ ab Weingut ein Pflichtkauf. 94 Punkte!

Louis Bovard Buxus und Salix2009 Louis Bovard „Salix“ Saint-Saphorin / AOC Lavaux
100% Chenin Blanc, 13% Alkohol – Schade, der letzte Wein des Abends. Doch auch bei diesem Wein beweist Louis Bovard, dass man in Lavaux nicht nur Chasselas erfolgreich anbauen kann. Ein Chenin aus der Schweiz? Und was für einer! Passionsfrucht, weißer Pfeffer, Birne und weiße Blüten strahlen aus dem Glas. Auch hier harmoniert die leichte Restsüße, der Barrique-Ausbau und die Aromatik des Chenin ganz hervorragend. Am Gaumen fügt sich alles zusammen. Dank der rassigen Säure wirkt der Wein frisch, lebendig und doch voller Tiefe und Komplexität. Der „Salix“ spielt auf ähnlich hohem Niveau wie der „Buxus“. Eine absolute Weinentdeckung! Ca. 24€ ab Weingut. 93 Punkte.

Also liebe Schweiz: Ihr bekommt ein paar hübsche GG’s/EG’s von uns, und ihr schickt etwas von eurem geilen Zeug rüber! Deal?

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8 thoughts on “Hinter den 7 Bergen bei den 7 … Chasselas und co aus der Schweiz, oddr?

  1. Also mir persönlich haben der Altesse und der Chenin am besten gefallen! Tolle und außergewöhnliche Weine aus einem Land, nicht nur von vier großen Weinbaunationen umgeben ist (sorry, Liechtenstein), sondern auch selbst einiges zu bieten hat. Leider sehr schwierig zu bekommen…

  2. …. und da gibt’s noch viel mehr: Humagne Blanc, Humagne Rouge, Petite Arvine, Cornalin und andere autochthone Schweizer Rebsoten, die selbst in der Schweiz kaum bekannt sind, schaffen interessante, ganz eigene und manchmal geniale Weine. Es gibt noch viel zu entdecken.

  3. Eine wirklich großartige Probe abseits vom mainstream !
    Mein eindeutiger Favorit war der „Buxus“, habe diesen Wein geliebt ……

  4. Pingback: Viel Schatten, wenig Licht: Pinot Noir World Tour in einer Blindprobe « Drunkenmonday Wein Blog

  5. Pingback: Weinrallye #53: Großer Chenin Blanc aus Schweiz! « Drunkenmonday Wein Blog

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