Problematik (?) Parker Punkte: Transparenz vs. gute Geschäfte vs. global Branding

Wunschdenken?

Wunschdenken?

(NM) Achtung, ich überspitze jetzt: Jeder Weinhändler, der mit Parker Punkte auf Prospekten, in Newslettern oder auf Webseiten um sich wirft, lügt und bescheißt den Kunden.

Robert Parker ist ein viel beschäftigter Mann. Und er ist ein Brand, eine Marke, die viele Menschen falsch interpretieren. Wenn man sich auf Seiten wie Proidee/Weinkeller einmal genauer umschaut, wird dem Kunde unmissverständlich suggeriert, Robert Parker würde die ganze Welt der Weine verkosten. Sein Name und seine Punkte stehen hinter Weinen aus Deutschland, Portugal, Spanien, Italien, Frankreich, USA usw. Wie macht der Mann mit einem Mund, einem Gaumen und einer Zunge das bloß alles? Ganz einfach: Er klont sich. Viele kleine Robert Parkers verkosten in seinem Auftrag sich durch die verschiedenen Länder und deren Anbaugebiete. Denkt der unwissende Kunde. Wenn überhaupt.

Doch stecken hinter den maskierten „Parker Punkten“ nicht großartige Individuen, alle ausgestattet mit einem eigenen, nicht von Robert P. kopierten Geschmack? Sicher, denn alle samt schreiben sie unter ihrem Name für den Wine Advocate. Doch leider bekommt diese Wahrheit der Kunde nur viel zu selten als „Gruß aus der Szene“ mit seiner 93 Punkte Flasche für 8€ auf den Weg. Hier herrscht das Gesicht, der Geschmack, der Weinkritiker No.1 Robert Parker in den Köpfen der Verbraucher. Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht? Wer kann sich schon alle Schreiberlinge (und die dazugehörigen unterschiedlichen geschmacklichen Präferenzen) des Wine Advocate merken? Komisch nur, dass genau dieses bei Winespectator, Gault Millau etc. so wunderbar funktioniert. Nur bei dem Brand „Robert Parker“ wird (fast schon unverschämt intolerant) mit einem Namen hausieren gegangen. Doch woran liegt es?

Zurück zu den Lügen und Bescheißereien: „Ein 93 Parker Punkte Wein für nur 8€ aus dem Priorat! Das sind viele Punkte fürs Geld!“ Glatt gelogen. Robert Parker hat diesen Wein nie persönlich verkostet. Jay Miller war es. Jener welcher, der für viele spanische 90+ Punkte Weine in der 5€ Liga zuständig war / ist. Gut für Aldi, denn selbst im Discounter sind „spanische Parker Punkte“ schon angekommen. Und was heißt das jetzt? Nicht das der Otto-Normal-Aldi Weinkäufer sich mit dem Geschmackprofil von Robert Parker auseinander gesetzt hat, geschweige denn weiß, wer Jay Miller ist. Klingen da „93 Punkte the Wine Advocate“ nicht genauso gut? Und es wäre sogar wahr! Das kann doch nicht so einfach sein.

Mal angenommen, Robert Parker wird keine 140 Jahre alt. Er müsste aus welchen Gründen auch immer in naher oder mittelfristiger Zukunft den „Job“ des Weinverkosters an den Nagel hängen. Zudem hat er einige seiner „Kernkompetenzen“ schon an Kollegen aus dem Wine Advocate abgegeben. Was passiert man dem Brand Robert Parker? Finden wir dann 95 Parker (R.I.P.) Punkte in den bunten Blättchen? Ewig kann das so nicht weiter gehen. Oder doch? Alternativen?

Ludos incipite.

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16 thoughts on “Problematik (?) Parker Punkte: Transparenz vs. gute Geschäfte vs. global Branding

  1. Personifizierte Macht ist nie der Wahrheit letzter Schluss, die Intransparenz beim Wine Advocate ist zwar nur eine oberflächliche, leider sind aber auch 95% der Weintrinker oberflächlich an Bewertungen interessiert.
    Übrigens gilt das Branding nicht nur für Parker: Das Südafrika-Pendant John Platter ist schon in Rente, sein Werk für jetzt eine Redaktion fort. Nur kaum einer weiß es…

    Mit Eichelmann und Co. gibt es ehrlichere Beispiele auf dem Markt.

    PS: Zum Thema Jay Miller, die WA-Wertung in Spanien schlägt komische Kapriolen. Viele dieser 5-10 € ~90 PP-Weine sind einfach nur schlecht…

  2. Selber probieren. Wenn’s einem schmeckt, ist’s gut. Der eine mag die Marmelade aus Spanien, der andere das Mineralische. In einer Zeit, wo keiner mehr eine eigene Meinung haben will und dem Mainstream hinterher hechelt, will man auch keinen eigenen Geschmack mehr haben. „Wenn’s der Parker gut bewertet, wird’s schon stimmen“.
    Na dann Prost.

  3. @Christoph
    Leider geht es hier nicht nur um „selber probieren“. Gerade auch die Tatsache, das mit der Aktualität der „Parker Punkte“ so laußig umgegangen wird, hat nicht nur einen Einfluß auf den Geschmack, sondern auch auf den Preis für das Produkt. Thema Bordeaux 2008 z.B. Hier hat Parker fast alle Weine um 2-4 Punkte nach den Fassproben runter bewertet – doch die meisten Händler gehen noch mit den „höheren“ Fassproben Punkten hausieren …

  4. Sorry, ich verstehe das Argument nicht. Miuccia hat ja auch nicht alle Hosen von Prada selbst designt und trotzem steht ihr Name drauf. Ob jemand das glaubt ist doch egal. Zurück: Schildknecht-Punkte sind trotzdem Parker-Punkte weil sie im WA stehen und nicht im Schildknecht-Magazin.

  5. Schildknecht Punkte sind Schildknecht Punkte, und keine Parker Punkte. Sicher werden diese in Robert Parkers „Wine Advocate“ veröffentlicht. Somit sind es aber immer noch die Punkte, der Geschmack und die Bewertung von Schildknecht – veröffnetlichts in im WA. Sie tauchen sogar dort als Schilknecht-Punkte auf. Wieso sollte man dann diese „Parker Punkte“ Hülle über Schildknechts Bewertungen stülpen? Das eigendliche Problem bei der Sache sind eher die „Punkte-Schleudern“ wie Jay Miller. 90 Punkte bei Jay sind schon alleine von der Häufigkeit nicht mit 90 Punkten bei David (Schildknecht) zu vergleichen, werden aber alle als „90 Punkte Robert Parker“ verkauft. Transparenz ist anders.

  6. Ich sehe das Problem, aber ich glaube nicht, dass es in der mangelnden Transparenz liegt. Parker ist ein Brand geworden, da gibt es vermutlich keinen Zweifel. Leute, die sich ausschließlich an PP orientieren, erwarten keine Transparenz oder Kleinteiligkeit, sondern Konsistenz. Insofern wäre es dann wurscht, ob ein Jay Miller, ein David Schildknecht oder der große Meister höchstselbst die Punkte verteilen würden, wenn das Geschmacksmuster aller Autoren vergleichbar wären.

    Parkers Lieblingswein ist ein unfiltrierter, dickflüssiger Châteauneuf, und das spiegelten seine Punkte immer wider, solange er die noch selbst verteilte. Mein Geschmack ist das nicht, also konnte ich mir relativ sicher sein, dass ich unterhalb von 90 PP die für mich interessanteren Weine fand. Ich habe noch eine alte Buchausgabe, in der er z.B. deutschen Sekt als „nur für Masochisten geeignet“ beschreibt oder „wenn Rheinhessen auf dem Etikett steht, kaufen Sie diesen Wein nicht!“.

    Jetzt, da die einzelnen Autoren/Tester zunehmend ein eigenes Profil entwickeln, macht sich das Fehlen der Konsistenz für mich unangenehm bemerkbar. Nicht die Punkte an sich und auch nicht die fehlende Transparenz. Sondern die unterschiedlichen Vorlieben und Beurteilungskriterien. Das ist ein redaktionelles Problem, und ich muss zugeben, dass ich Parker nur noch für die südliche Rhône zu Rate ziehe, weil ich dann weiß, welcher Typ Wein hinter welcher Punktzahl steht.

    • Es war einmal ein völlig unbekannter Rechtsanwalt aus Maryland.
      Die Dankbarkeit eines Klienten und eine geschenkte Flasche Wein ließ
      ihn die wunderbare Liebe zum Wein entdeckt. Da er meint, so viel vom Wein zu verstehen, will er auch seine Mitwelt an den intensiven Eindrücken zum Thema Wein teilhaben lassen. Doch das Internet und Blogs sind noch nicht erfunden.
      Umtriebig wir er ist, bastelt er auf seiner Schreibmaschine einen handgestrickten Newsletter mit seinen persönlichen Weinbewertungen und verteilt diesen in Maryland an Freunde und bekannte. Wenige Jahre später wird er auf wundersame Weise zum einflussreichsten Weinkritiker der USA, später der ganzen Welt.

      So die Legende.

      Schade, dass sich in Deutschland so viele nach ihm richten.

  7. Ganz ehrlich: Korrekte Rechtschreibung und das grundlegende Verständnis bzgl. „das“ und „dass“ wäre ein Anfang, wenn man so „kritisch“ gegebene Zustände hinterfragt. Eine durchgehende Formulierung, welche „Bescheißereien“ beinhaltet, erinnert an Ehec. Bäh.

    Zudem scheint der Beitrag wenig substantiiert. Kritik soll ja sein, aber bitte fundiert. Mit der obigen Argumentation kann man alles und nichts angreifen, letztlich weicht sie sich selbst in Beliebigkeit auf.

    Final wird es Verbrauchern, welche kaum Kenntnisse von Wein haben, ohnehin egal sein. Da wirken 98 RP vermutlich auch nur „ok“, ein individuelles Geschmacksprofil kann sich ja jeder herausbilden.

    Vinophile Grüße

    Gattaca

  8. „Das“ wurde wie immer umgehend geändert.

    Da die „Verbrauer“ leider nicht alle „kaum Kenntnisse von Wein haben“, hat die Problematik schon einen wahren Kern, da PP ja auch gerne im „Fachhandel“ verwendet werden.

  9. Geschmäcker sind verschieden. Deswegen sollte jeder Verbraucher sich mit der Problematik des Weines auseinander setzen und verschiedene Weine probieren und nach seinen Geschmack den Wein kaufen ……

  10. Natürlich hat die Problematik einen wahren Kern, das habe ich nie bezweifelt. Gleichwohl scheint mir dies ein allgemeines Phänomen zu sein, denn die Verbraucher sind ja frei, sich anderweitig und vor allem weitläufig zu informieren (etwa in Blogs wie diesem).

    Analog zu Parker-Punkten lassen sich wahrlich viele einfach gestrickte Bewertungsschemata in allen möglichen Bereichen finden. Ich möchte gar nicht wissen, wieviele Käufer sich möglicherweise von 93 PP beeindruckt fühlen, mit dem Namen Parker per se aber gar nichts anfangen können.

    Vielleicht ist das ja eine Geschäftsidee für noch nicht erschlossene Bereiche. 94 XY Punkte für Spargel, 68 XY Punkte für Gurken einer gewissen Herkunft.

    Jedenfalls sollte eher das kritische Bewusstsein derjenigen Konsumenten geschärft werden, die unreflektiert handeln. Parker et socii bewerten schon weitgehend nach einheitlichen Kriterien, auch wenn einzelne hier und da aus der Reihe tanzen. Ein einheitliches Geschmacksdiktat gibt es eben zum Glück nicht und daher muss man sich einfach damit auseinandersetzen. Letztlich freue ich mich, wenn RPs und mein Geschmack divergieren und die Masse dem guten Mann folgt; denn gemäß einfacher Marktgesetze kann sich dies wirklich monetär als Vorteil erweisen.

    Die einzelnen Schreiberlinge stellen keine Marke wie RP dar, ergo wird er vordergründig genannt, RP als Synonym für WA, woanders sind es dann eben WS-Punkte und die wenigsten Weinkäufer fragen danach, wer genau dahinter steckt.

    Vinophile Grüße

    Gattaca

  11. Trotzdem, Marken funktionieren so und ich sehe keinen Grund, weshalb es beim Wein anders sein muss. Nicht mal in Bereichen in denen eine persönliche Meinung wichtig ist, wie etwa Ratingagenturen und Marktanalysten. Die Herren Gault & Millau probieren keinen einzigen deutschen Wein und Falstaff auch keinen österreichischen (mehr).
    Dass sich mit Schildknecht einiges an den „Parker“-Bewertungen für deutsche Weine geändert hat, ändert nichts an dem Argument. Etwas intransparent wird es nur (und da gebe ich dir Recht, Nico), wenn man Schildknecht-Punkte als Parker-Punkte hinstellt. Aber wenn man es gut meint, ist das keine Verschleierung, sondern eine Vereinfachung.

    Sollte es nicht „oenophil“ heissen?

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