Kante, Zidarich, Radikon, Roxanich und Vodopivec: Krasse „Naturweine“ aus dem Friaul und Kroatien

… oder auch „Orange Wines“ ?!

Orange Wines

(JL) Eigentlich müsste ich mich schämen, den Bericht über diese „extreme“ Probe erst jetzt zu schreiben. Sie fand nämlich im letzten Sommer statt. Wie dem auch sei, jetzt ist die Zeit reif für einige Weine, die „extravaganter“ und „anders“ nicht hätten sein können. Neben dem doch recht langweiligen Namen „Naturweine“ haben wir immer wieder nach einem anderen und aussagekräftigeren Namen für diese speziellen Weine gesucht. Das Ergebnis: Orange Wines! Orangene Weine? Wie ist der denn drauf? – könnten jetzt einige denken. Aber je mehr ich den Namen verwende, desto treffender kommt er mir vor. Seit kurzer Zeit ist der Begriff „Orange Wines“ auch in Wikipedia zu finden. Hier meine Übersetzung in die Deutsche Sprache. Man möge mir den etwas rudimentären Übersetzungsstil verzeihen.

Oranger Wein, ist Wein aus weißen Rebsorten, bei dem die Schalen während der Mazeration ebenfalls Kontakt mit dem Traubensaft hatten. Typischerweise wird während der Weißweinproduktion der Traubensaft schnell abgepresst und von den Schalen getrennt. Die Schalen enthalten Farbpigmente, Phenole und Tannine, die in Weißweinen oft unerwünscht sind. Bei der Rotweinherstellung ist dies im Gegensatz erwünscht, da diese Stoffe den Weinen Farbe, Geschmack und Textur verleihen. Orange Weine haben ihren Namen von der leicht dunkleren orangen Färbung, welchen die Weißweine während der Kontaktzeit mit der Beerenhaut erhalten.
Man hat diese Art der Weinbereitung in heutiger Zeit nicht weiter verfolgt, da z.B. im Falle des Grauburgunders der Weißwein vom Rotwein nicht zu unterscheiden wäre. Grauburgunder hat eine leicht rötliche Schale und diese würde ein Grauburgunder wie ein Rosè aussehen lassen. Ursprünglich kommt die Methode die Weine auf diese Art herzustellen aus Georgien. In den letzen Jahren hat sich diese Art Weine zu keltern zunächst bei einigen Weinbauern aus Friaul – Julisch – Ventien etabliert. Ähnliche Produkte findet man in Slowenien, Kroatien, Frankreich, Deutschland, Neuseeland und Kalifornien.
(Quelle: Wikipedia)

Doch nun zu den Weinen des Abends:

2008 Risare Friulano / Karst
Unser Einstiegswein in das Thema. Klassisch gekeltert im Stahltank. Es sollte der letzte Tropfen für ein lange Zeit sein, der nicht Gerbstoffen geprägt war. Zusammenfassend ein fruchtiger Weißwein mit schöner Säure, weiße Blumen, Pfirsich, Zitrone und zurückhaltender Mineralität. Nichts wildes, aber solide Winzerkunst. 84 Punkte

2008 Roxanich Borgonia Rose / Istria
Einige von uns haben diesen in seiner Art einzigartigen Rose als echten „Männer Rose“ bezeichnet, da hier keiner bei dieser einladenden Farbe Gerbstoff wie bei einem junge Pinot Noir erwartet hätte. In der Tat ist die Rebsorte Borgonia direkt mit Pinot Noir verwandt. In der Nase findet man Aromen von Mandeln und geröstetem Kaffee kombiniert mit Walderdbeeren und Himbeeren. Die Tannine sind elegant integriert und verleihen dem Wein mit seiner gut integrierten Säure einen komplexen Körper. Der Abgang ist weich und deutlich länger wie man dies von einem Rose erwartet hätte. Trotz dieser Eckdaten ist der Wein enorm frisch und animierend. Auch so kann Rose sein! Bitte mehr davon. Guter Stoff: 90+ Punkte

2007 Kante Malvasia / Karst
Kante verfolgt einen etwas zurückhaltenderen Stil im Sinne der Orange Wines, wobei seine Weine keinesfalls unspektakulär sind. Sein Keller erinnert an eine Raketenabschussbasis kombiniert mit einem Kunstmuseum. Dieser Malvasia ist würzig, sogar leicht salzig mit eher zurückhaltenden Gerbstoffen. Die Textur ist im Gegensatz zu den vorherigen Weinen cremig und glatt. Am Gaumen bleiben geröstete Nüsse zurück, welche stark an einen Amontillado Sherry erinnern. 89 Punkte

2008 Zidarich Malvasia / Karst
Der Kultwinzer aus Prepotto serviert einen sehr frischen und blumigen Malvasia. Firsch wie eine Sommer-Wiese mit herrlichen Zitronen-Honig-Wachs-Kerzen-Aromen und frisch geschnittenen Kräutern. Wunderschöne Nase. Im Mund wirkt er ein etwas hefig mit getrocknete Orangenschalen und geröstete Mandeln. Wirklich lang am Gaumen. Ein großer Malvasia der an einen großen trockenen Madaira erinnert. Wow-Wein! 93 + Punkte.

2007 Roxanich Malvasia „Antica“ / Istria
Der erste schluck – Schweigen! Hier scheiden sich die Geister! Komplexität pur. Grüne fermentierte Äpfel, Mandeln, Hefe, Orangeat, Lebkuchen und Sahne. Man könnte sagen es ist ein Weihnachtswein im Sommer. Enorm druckvoller dichter Wein, der unendlich lang am Gaumen steht. Malvasia am Grenzweg. Kategorie: love or hate. Ein Wein über den man Stunden diskutieren kann. We loved to hate it: Grandiose 93 Punkte.

2005 La Castellada Ribolla Gialla / Collio
Die Bensa Brüder keltern mit die elegantesten Weine am Collio. Dieser Wein passt perfekt zu Salami, Mortadella und Käse. Sehr rund mit wunderbar integriertem Gerbstoff und sehr feiner Säure. Der Wein wirkt poliert und sanft. Leicht nussig, mit einigen Mandel-Splittern. In der Nachverkostung gewinnt dieser Wein enorm. La Castellada ist der Geheimtipp für die gemäßigten Orange-Wine Trinker. 90 Punkte (einzeln), deutlich höher in der Nachverkostung mit Essen!

2005 Zidarich Vitovska / Karst
Nun kommen wir zum Brot- und Butterwein des Karstes. Oft schlank, und etwas plump nach Heu riechend, wird Vitovska trotzdem wie eine Diva gehuldigt. Denn was dort nach einigen Jahren in der Flasche entwickelt, hat Potential zu etwas ganz großen. In der Nase ein Hauch von frischen Äpfeln und Kornblumen jedoch etwas zu hefig und spröde im Gesamtbild. Gut Ding braucht Zeit. Mit der Vitovska muss man sich länger auseinandersetzen. Die Weine haben etwas weniger Alkohol und eignen sich hervorragend als Aperitif. Diese sehr resistente Rebsorte passt wie keine andere zum Karst. Hier auf Grund des etwas einfachen Auftretens „nur“ 87 Punkte.

2004 Radikon „Oslavia“ Cuvee / Collio
Mit diesem Wein fing die Begeisterung für „orange wines“ an. Ein „must have“ für Fans dieser Weine. Die Cuvee besteht aus Chardonnay, Sauviganon Blanc und Friulano. Im Glas ein trübes Orange. Unzählige Sekundärarmon, die man gar nicht alle aufzählen kann. Dazu ausgesprochen komplex und mundfüllend mit atemberaubender Länge. Neben Mandelaromen findet man Cassis, Orangen, Tabak, Zitrusnoten und konzentriertes aber perfekt passendes Tannin. Dieser Wein passt in kein Schema. Model und Freak in einem: 94+ Punkte.

2004 Vodopivec Vitovska / Karst
Babymord eines Kultweines aus dem Karst! Grüne Äpfel, Hefe, Sherrytöne, geröstete Mandeln. Alles etwas unsortiert nebeneinander. Trotzdem kann man an der Komplexität erahnen, was daraus einmal werden kann. Komplizierter Weine über den man ebenfalls Stunden reden kann. Braucht Zeit. Jetzt und hier: 90+? Punkte.

Orange Wines ...Kaum eine Probe hat mehr polarisiert als diese. Trotzdem scheinen orangene Weine in Deutschland beinahe unverkäuflich zu wirken. In Italien und Asien hingegen genießen sie einen deutlich höheren Stellenwert. Sie lassen sich außergewöhnlich gut mit rohem Fisch kombinieren, und auch deftige Hausmannskost passt hervorragend. Während dieser Probe wurde nur Mortadella mit Weißbrot in großen Mengen gereicht. Diese Kombination ist mein Favorit.

Interessante Links zu dem Thema:

New York Times blogged über Orange Wines Tasting

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10 thoughts on “Kante, Zidarich, Radikon, Roxanich und Vodopivec: Krasse „Naturweine“ aus dem Friaul und Kroatien

    • Am Ende wurde doch alles gut. Dies war wirklich mit die „extremste“ Probe die wir hatten, aber in meinem Buch eine der Besten!

  1. Danke für den tollen Bericht! V.a. diese orangen Weine haben mich interessiert. Habe vor zwei Wochen in einem Lokal in Stuttgart einen roseorangen Pinot Grigo aus dem Friaul getrunken, der eine echte Entdeckung war. Leider habe ich den Erzeuger vergessen. Muss dan noch rausfinden. Scheint ein Trend zu sein.

  2. Super Artikel! Sonst liest man höchstens polemisches Zeug über Weine, die nicht sein können, weil sie nicht sein dürfen. Natürlich ein hochkomplexes Thema, keine Frage. Aber endlich mal echte Beschreibungen dieser Weine. Um den Radikon bin ich bei K&U oft rumgeschlichen. Nachdem mir aber ausdauernd davon abgeraten wurde, habe ich ihn dann doch nicht gekauft. Tja…

    Übrigens sagte mir (glaube ich) Mark Angeli, dass die spezifische Naturphilosophie der Japaner dafür verantwortlich sei, dass sie derartige Weine subjektiv besonders schätzen. Also keine Mode (wie es mir manchmal in Italien oder Südfrankreich scheint), eher fast religiös geprägt.

  3. Freut mich, das euch dieser Beitrag gefallen hat. Ich für meinen Teil kann diese Weine sehr empfehlen sie sind darüberhinaus auch noch außergewöhnlich bekömmlich. Schade das sich in Deutschland außer P.J. Kühn niemand an dieses Thema wagt. Es liegt sicherlich daran das unsere Winzer diese Weine noch nicht probiert haben.

    Weiter Berichte darüber findet Ihr hier

    http://blog.sport-und-wein.de/category/naturweine/

  4. Pingback: Im Keller eines kroatischen Naturwein-Winzers: Roxanich « Drunkenmonday Wein Blog

  5. Pingback: Clai, Radikon, Princic und Roxanich: Faszination „Orange Wines“ « Drunkenmonday Wein Blog

  6. Pingback: Alles Orange? 2008 Roxanich „Ines u Bijelom“ Cuvée « Drunkenmonday Wein Blog

  7. Pingback: Weinrallye #50: Naturwein-Riesling von Dr. Bürklin-Wolf « Drunkenmonday Wein Blog

  8. Pingback: Keine Tradition, etwas Revolution und wenig Manipulation: Deutsche “Orange Wines” | Drunkenmonday Wein Blog

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