Blindprobe: Deutscher Pinot bis 10€ – Part 2

17 Deutsche Spätburgunder bis 10€(JR) Die drittgrößte Spätburgunder-Anbaufläche weltweit(!) findet man in Deutschland.
Entsprechend groß war auch die Resonanz auf unsere erste Runde zum Thema „Deutscher Pinot bis 10€“. Hier nun die zweite Verkostung zum Thema. Für das Lineup haben wir diesmal neben unseren Favoriten auch den ein oder anderen Leservorschlag berücksichtigt, bei Wein Nr. 17 aber aus Vernunftsgründen für den Abend die Reißleine gezogen. Eine Flasche hatte wiedermal einen muffigen/korkigen Flaschenfehler und wurde deshalb aus der Wertung genommen. Ich plädiere hiermit für eine EU-weite Schraubverschlussregelung für Weine unter 10€ ! Was bei der Glühbirne geht, muss doch auch beim Wein möglich sein.

Verkostet und bewertet wurde nach der gleichen Methode, welche wir auch bei der „Deutscher Pinot bis 10€ – Top oder Flop?“ verwendeten: Um objektiv zu bleiben, wurden alle Weine blind in zufälliger Reihenfolge verkostet. Jeder Teilnehmer erstellte während der Probe sein individuelles Ranking von Platz 1 bis 16. Es herrschte zudem „Redeverbot“ in Bezug auf die Weine, um eine gegenseitige Beeinflussung auszuschließen. Am Ende wurden die Einzelbewertungen aufsummiert und zusammen mit dem Gesamtergebnis besprochen. Die Summen der Einzelplatzierungen sind in Klammern angegeben. neun mal Platz 1 würde also die Traumbewertung (9), neun mal Platz 16 die Rote Laterne (144) ergeben. Additiv dazu wurden auch noch „Parker Punkte“ aus der Runde vergeben. In den Klammern hinter dem Wein finden wir also folgendes Bild: (Schnitt der Punkte / Summe der Platzierungen / Preis)

Los gehts! Die Top Five

Platz 1:
2008 M. Runkel Bechtheimer Spätburgunder (87+ P / 23 / 10€)
Der Gewinner des 3. Twitter Wine Awards hatte auch bei uns die Nase deutlich vorne.
Mittleres Purpurrot. Olofaktorisches Breitwand-Kino: Impressionen von blauen Beeren, Toastbrot, Vanille, Kaffee, Schokolade, Ledersattel, trockener Waldboden. Am Gaumen ist das Holz präsent, ohne aber die schöne Frucht zu dominieren. Weich und cremig rollen die Gerbstoffe über die Zunge, im Hintergrund die (zu?) dezente Säure. Der etwas knappe Abgang wird durch die röstigen Aromen im Rachen deutlich aufgewertet. Gekonnter Holzeinsatz. Bravo! Unbedingte Kaufempfehlung!
DM-Tipp: Hier ab Weingut Runkel im Paket zu 6 Flaschen für 64,90€ frei Haus.

Platz 2:
2007 Karl H. Johner Spätburgunder Kaiserstuhl (86 P / 36 / 9,90€)
Karl Heinz Johner gründete sein Weingut 1985 in Bischoffingen im Kaiserstuhl. Seit 1998 sind Vater und Sohn Patrick auch in Neuseeland aktiv. Zwei Ernten im Jahr verdoppeln die Erfahrungswerte, was sich auch an den vielen Preisen im Feinschmecker, Gault Millaut, Eichelmann etc. ablesen lässt. Bei uns konnte der feine, eher leichte Spätburgunder mit seinem dezenten Barrique den zweiten Platz erobern.
Ein tiefes Granatrot mit im Gegenlicht violetten Reflexen lädt zum schnüffeln ein. Schöne Nase, wie ein voller Früchtekorb, der sich jedoch nicht so einfach auseinander dividieren lässt. Rote Grütze oder Rumtopf kam uns in den Sinn. Aber auch Backpflaume, Leder und im Hintergrund etwas Holz. Im Antrunk leicht, frische Säure, viel Vanille und dezente Röst- und Gewürztöne. Die Früchte im Bouquet setzen sich fort, wirken dabei aber keine Spur marmeladig. Ein angenehmer Schmelz prägt zudem das Bild. Einziger Punkt zum meckern: Der Abgang könnte etwas länger sein. Insgesamt ein schöner Essensbegleiter für viele Gelegenheiten, aber auch solo sehr süffig und lecker!

Platz 3:
2009 Winzerhof Thörle Saulheimer Spätburgunder „Kalkstein“ (86+ P / 37 / 10,50€)
Johannes Thörle absolvierte ein Weinbaustudium in Heilbronn und sammelte praktische Erfahrungen u.a. bei Wittmann. Seit 2004 hat er die Verantwortung im elterlichen Betrieb (17ha) übernommen, sein jüngerer Bruder Christoph ist für das Marketing zuständig. Den Kalkstein konnten wir als „Terroir“ im Wein nicht entdecken, geschmeckt hat er trotzdem. Dunkle Farbe, Nase noch etwas verschlossen: Erdbeere, Brombeere, begleitet von erdigen und gemüsigen Tönen. Im Mund dicht, Erdbeerjoghurt (laktisch), astringierende Gerbstoffe, mittellanger Abgang.

Platz 4:
2007 Jakob Pfleger Spätburgunder „Sommerseite“ Pfalz (86+ P / 43 / <10€)
Die Stöcke stehen auf einem Süd-Ost-Hang, der die alte Bezeichnung „Sommerseite“ trägt. Der Wein liegt nach der offenen Maischegärung 8 Monate im Holzfass. Mittleres Granatrot im Glas. Deutliche Kirschfrucht mit laktischen Noten in der Nase. Dies setzt sich so auf der Zunge fort. Säure, Gerbstoffe und der Holzeinsatz sind gekonnt aufeinander abgestimmt. Das Ergebnis ist ein runder, süffiger Wein.

Platz 5
2007 Gretzmeier Merdinger Bühl AR Baden (85 P / 58 / 9€)
Die Familie Gretzmeier in Merdingen gehört zu den sympatischsten Ökowinzern in Baden, ihre Spitzenweine stehen regelmäßig auf den Siegerlisten diverser Verkostungen. Der 2007er Spätburgunder „Alte Reben“ aus dem Merdinger Bühl wurde vom Weingut erst nach zweijähriger Fass- und Flaschenlagerung für den Verkauf freigegeben. Dichtes Rubinrot, frische lebhafte Farbe. Die Nase präsentiert sich zuerst etwas verschlossen, Himbeere bestimmt das Bild. Mit etwas Luft kommen Vanille, Lakritz und Leder hinzu. Im Geschmack ein schöner Fruchtkern aus Himbeere und Kirsch, alles sehr weich, laktische Noten, leicht bitter im Abgang. Etwas langweilig, aber mit schönem Schmelz. Potential!

Mittelfeld

Platz 6
2009 Berhart Spätburgunder Rotwein trocken Pfalz (85- P / 62 / 6,60€)
Gelegen an der französischen Grenze zwischen Rhein und Pfälzer Bergland, wurde das Weingut von wein-plus.de zum Aufsteiger des Jahres 2010 ausgezeichnet.
Mittleres Rot. Ungewöhnliche Nase: Fleischwurst, Leder, wenig Frucht. Im Antrunk ein leichter Wein mit erstaunlich viel Kirsche. Weich, rund, angenehm.

Platz 7
2008 Gutzler Spätburgunder trocken Rheinhessen (84+ P / 64 / 8,60€)
Mit seinen Destillaten macht Gerhard Gutzler schon lange auf sich aufmerksam. 1999 gründete er den Verein zur Förderung der deutschen Spirituosenkultur. Aber wie schaut es mit seinen Weinen aus? Mittleres Granatrot mit bräunlichen Reflexen. Die Nase verschlossen. Im Mund alles sehr weich. Die Erdbeerfrucht wirkt künstlich. Wieder einer dieser typischen deutschen Pinot-Klone.

Platz 8
2009 Probst Spätburgunder trocken Baden Kaiserstuhl (83 P / 72 / 10,20€)
Das Weingut wurde 1949 von Rainer Probsts Vater mit ursprünglich 3 Hektar Rebfläche gegründet.
Inzwischen ist die Rebfläche auf 7 Hektar angewachsen, davon 65% Rotwein. Der 2009er Spätburgunder gibt sich rund und weich, ohne bitter zu sein. Die Erdbeerfrucht wird von einer dezenten Säure getragen. Wo sind die Tannine?

Platz 9
2008 Medinger Rotwein Auslese trocken (83 P / 76 / 9,80€)
Mittleres Rot. Würzige Nase, maskierte Frucht, spitz, Uhu-Kleber? Im Gaumen marmeladig, sehr lakitsche Kirschfrucht, künstlich, gemacht.

Platz 10
2007 Gretzmeier Merdinger Bühl Spätburgunder Kabinett trocken (82 P / 82 / 7,50€)
Deutlicher Stinker, Holzschutzmittel, Leder. Auf der Zunge dünner Körper, bitter, Himbeere, kühle Stilistik. Durchschnitt.

Platz 11
2009 Adeneuer Ahrweiler Spätburgunder (82 P / 84 / 9,50€)
Helle, klare Farbe im Glas. Rotes Gartenobst und etwas Pfeffer in der Nase. Im Gaumen fruchtig, recht weich, wenig Biss (Säureabbau übertrieben?). Mineralische Töne.

Platz 12
2007 Stich Spätburgunder „Churfranken“ (81 P / 84 / 9,90€)
Schönes Bouquet von dunklen Beeren, Leder und Gewürzen. Kühler Stil mit deutlichem Bitterton. Der Alkohol ist leider nicht gut eingebunden.

Die Abstiegsplätze

Platz 13
2008 Ziereisen Blauer Spätburgunder (80 P / 103 / 8,80€)
Milchig-bräunliche Farbe im Glas. Fehler bei der Filtration? Deutliche Himbeeraromatik, Pinot Stinker. Im Mund sehr laktisch und dünn.

Platz 14
2007 Dr. Wehrheim Spätburgunder Pfalz (76- P / 119 / 8,80€)
Bräunliche Reflexe. Nase mit „Charakter“: Schweiß, Leder, Waldboden. Unangenehmes Mundgefühl. Schwer zu beschreiben.

Platz 15
2008 Staatsweingut Meersburger Bengel Baden (76 P / 128 / 9€)
Helle, durchscheinende Farbe. Himbeernase mit Lösungsmitteln. Gaumen: nicht gut, unangenehm, bitter, alkoholisch.

Schlusslicht

Platz 16
2008 Zelt Spätburgunder Pfalz (72+ P / 128 / 9€)
Die mittelrote Farbe und der leichte Pinot Stinker in der Nase bereiten einem kaum auf das vor, was noch kommen sollte. Am Gaumen wirkt er bizzlig und gährig, getragen von einer deftigen Säure. Flaschenfehler? Merkwürdig.

Die Top3 der ProbeFazit

Zum Abschluss lässt sich sagen, dass die typisch Deutschen Pinot Klone nicht immer zu den besten Ergebnisse führen. Hier könnten die Winzer mehr Individualität bei der Pflanzung wagen. Uns haben die dichteren Pinots mit Holzeinsatz am besten geschmeckt, was natürlich die Frage aufwirft, was einen typischen Pinot überhaupt auszeichnet – auszeichnen soll.

Wir sagen wieder vielen Dank an den Gastgeber Marc Colavincenzo von der Weinrebe Gießen Lindenplatz und freuen uns schon auf Teil 3 der Story. Ein Best off Battle aus den Proben wäre sicher auch eine Idee.

8 thoughts on “Blindprobe: Deutscher Pinot bis 10€ – Part 2

  1. Die Probe war ja mal wieder ein voller Erfolg!
    Leider war ich nicht dabei, das nächste mal wieder.

  2. Klingt ja nach einem lustigen Abend (?). Mit Berhart meint ihr aber wohl Bernhart aus Schweigen, oder? Und der Zelt-Spätburgunder 2008 ist zwar nicht überragend, aber auch nicht sooo schlecht. Vielleicht wirklich einfach eine schlechte Flasche erwischt …

    • Hi Alexander,

      du hast 2 mal Recht: Der Abend war sehr lustig! und es handelt sich um das Weingut Bernhart aus Schweigen. In meinen Augen war der Zelt Pinot auch irgendwie angeschlagen. Er erinnerte mich an den Becker Spätburgunder aus der Probe eins, dieser wurde mehr oder weniger als „Nachgährer“ offenbart.

  3. Pingback: Viel Pinot für wenig Geld: 2009 Pfirmann Spätburgunder Mütterle « Drunkenmonday Wein Blog

  4. Der 2009er Spätburgunder von Probst hat sich prima entwickelt. Weich, rund und geschliffen. Für mich jetzt einzeln in der 85-87er Range.

  5. Pingback: Aller guten Dinge sind Drei – Pinot bis 10€ aus Deutschland « Drunkenmonday Wein Blog

  6. Pingback: Viel Schatten, wenig Licht: Pinot Noir World Tour in einer Blindprobe « Drunkenmonday Wein Blog

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