Domain Clavel aus Frankreichs „wildem“ Süden – Schnäppchen oder Märchenstunde?

Tischlein deck dich(JR) So groß sind die Worte, so unglaublich die Beschreibungen des Weinhandels, dass Drunkenmonday die angepriesene „phantastische Preis-Genuss-Relation“ auf die Probe stellt.

Der 2009 Cascaille Domain Clavel (weiß) sei „eine wunderbare Alternative zu allen belanglosen Supermarkt-Billigweinchen aus industrieller Weinerzeugung“ (P-d-P). Ein 9-Euro-Winzer-Wein als Kauf-Alternative für Industriewein um 2 Euro aus dem Aldi-Südregal? Ohne Worte.
Die Nase ist für einen Wein dieser Preisklasse opulent: schon sehr geöffnet, duftet es floral und mineralisch mit Anklängen von Kernobst. Prima. Die Attacke kommt buttrig-cremig und fruchtig daher. Soweit, so gut. Leider schiebt sich jetzt der nicht gut eingebundene Alkohol nach vorne und steigt im Rachen dominant auf. Der Wein hat zudem für einige aus der Runde (zu) viel Säure. Im Abgang macht dann ein sehr unangenehmer Bitterton auf sich aufmerksam. Nicht gut. Keine Alternative. Keine Punkte.

2009 Mescladis Domain Clavel (rosé) 6,50 Euro. Der 06er Jahrgang wurde von der renommierten „Revue du vin de France“ mit 17/20 Punkten zum schönsten Rosé des Languedoc’s gewählt.
Der 2009er hat in der nicht sehr entwickelten Nase Kirschnoten, die sich auf der Zunge schlank fortsetzen. Im Abgang etwas Eisbonbon und Kräuteranklänge stehen ebenfalls auf der positiven Seite. Leider hat dieser Wein ebenfalls eine – vorsichtig formuliert – „prominente“ Säure, die sich knackig in den Vordergrund schiebt und dem Getränk einen etwas unausgewogenen Charakter verleiht. Insgesamt ein mittelmäßiger bis ordentlicher Wein, aber keinesfalls der beworbene Top-Rosé.

2008 Les Mas Domain Clavel (rot) ist eine Cuveé aus Cavignon-, Grenache-, Syrah- und Cinsault-Trauben. Für 6 Euro als „charaktervoller Alltagswein für höchste Ansprüche“ beworben, löst dieses Getränk als erstes die Versprechungen ein. Dunkle Beeren- und Kräuterdüfte strömen neben einer dezenten „Stinkernote“ aus dem Glas. Im Gaumen weich, rund und mit Biss, aber auch recht alkoholisch und je nach persönlichem Geschmack austrocknend bis griffiges Tannin. Dank der schönen Säure ein guter Essensbegleiter. (Vorschlag für Grillfans: „Bacon-Explosion“). Ein „Maul voll Wein“ für das Geld. Lecker und trinkanimierend.

2007 Les Garrigues Domain Clavel (rot) 8,00 Euro. Beeren, Currysoße mit Ananas, Muscat, gelbe Birne sind die Notizen zum ungewöhnlichen Duft. Geschmacklich kommt der Wein noch weicher als sein Vorgänger daher. Fruchtig, zart, geschliffen, weniger Alkohol und eine gut gepufferte Säure laden zum „Solotrinken“ ein. Aber halt, was ist das? Da schleicht sich doch erneut dieser Bitterton ein, der so gar nicht zum positiven Gesamteindruck passen will, zum Glück aber den Wein – im Gegensatz zum 2009er Cascaille – nicht dominiert.

2009 „Bonne Pioche”, Pic Saint Loup Domain Clavel
(rot) 11,00 Euro. 65% Syrah, 15% Grenache und 20% Mourvedre. Ein charaktervolle Nase ist ebenfalls eine Stärke dieses Weins : Beeren, Pfeffer, Nelken, ätherische Kräuter. Sehr schön! Im Mund fein, nicht ganz so cremig, Vanille, Traubenzuckerlolli und schönes Tannin. Leider sitzt die Frucht etwas weit „hinten“ und der viele Alkohol (14%) lässt diesen jungen Wein (trotz einer Stunde im Dekanter) noch nicht ganz zusammen wirken. Mit Potential.

2005 „Des Clous”, Domain Clavel (rot) 25,00 Euro. 80% Syrah, 20 % Grenache. Der Wein wird nur in großen Jahren mit sehr kleinem Ertrag (15 hl/ha ) aus den Spitzenparzellen erzeugt, ist unfiltriert und hat 25 Monate im Barrique gereift. 5000 Flaschen only. Ob der preisliche Abstand sich auch in der Qualität widerspiegelt?
Es duftet nach schwarzem Pfeffer, Gewürzen und Beeren. Hmm. Zuerst wieder schön cremig und weich auf der Zunge, dann dichte, fruchtige Brombeere, Traubenzucker. Leider wirkt alles recht vordergründig und wenig charaktervoll; der Alkohol ist nicht gut eingebunden. Keine Eleganz. Schade. Dann die größte Enttäuschung: Der Abgang ist so was von kurz und flach, dass man es zuerst kaum glauben mag. Ein Rätsel bei der Konzentration und dem Alkohol. Leider ein überteuerter Wein.

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3 thoughts on “Domain Clavel aus Frankreichs „wildem“ Süden – Schnäppchen oder Märchenstunde?

  1. Danke für die netten Worte Jan.
    Auch wenn mancher Wein hier nicht gut weggekommen ist, trifft dieser Artikel den Eindruck der Probe. Der Fachhandel nennt so was „Mischkalkulation“: Ein paar starke Angebote müssen die schwachen Produkte „mittragen“.
    Viele Grüße an den netten Gastgeber und den routinierten Grillmeister des schönen Abends!

  2. Pingback: Wein Spot: Die beliebtesten Drunkenmonday Weinblog Beiträge im August « Drunkenmonday Wein Blog

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