Alle Jahre wieder: Weinschnäppchenalarm bei ALDI

Barolo as dem Aldi?

(JR) Alle Jahre wieder kommt das ALDI Weinangebot und lässt den ernsthaften Weinfreund fragend vor den Regalen stehen. Weihnachtliche Versuchungen aus dem ALDI Südregal haben mittlerweile einen zweifelhaften Ruf. Ich erinnere an dieser Stelle nur an die qualitative Unverschämtheit des letzten Jahres, die sich Barolo nennen durfte. Soll man heuer erneut darauf reinfallen, oder verbirgt sich doch das ein oder andere Schnäppchen hinter den vollmundigen Werbetexten?

Ich habe fünf Weine aus dem aktuellen Angebot ausgewählt und bin der Sache sensorisch auf den Grund gegangen.

2010 Azumbre Verdejo Rueda DO 4,99€
Weißwein aus 80 Jahre alten Verdejo-Reben aus dem berühmten Weißwein-Anbaugebiet Rueda in Spanien, so der Werbetext. Der Wein macht zudem mit einem 90-Parker-Punkte-Schildchen um den Hals auf sich aufmerksam. Das wirkt auf den ersten Blick etwas bauernfängerisch und führt zu zusätzlichen Kosten, die natürlich eingepreist werden. Abzüglich Verpackung, Versand, Zwischenhandel und MwSt. bleibt da pro Flasche für den Erzeuger nicht mehr viel an Gewinn übrig.

Gut gekühlt steht der Wein mit schönen strohfarbenen Reflexen im Glas. Auch das erste Schnuppern gefällt: Würzig, kräutrig, fruchtige Nase von Stachelbeeren, weißer Pfirsich und Zitronenmelisse sowie nassem Stein. Am Gaumen schmelzig, mineralisch, salzig, fruchtig. Die Säure ist gut ausbalanciert. Saubere Struktur, wenn man von den „grünen“ Tönen absieht, die an Grapefruit und Rhabarber erinnern. Ich sehe den Wein eher bei 87-88 Punkten. Dennoch für den aufgerufenen Preis eine echte Überraschung und sehr schön zu trinken. Kaufempfehlung.

2011 Wolf Blass Heritage Release Semillon Chardonnay 4,99€
Da Australien Europa klimatisch um ein halbes Jahr voraus eilt, steht dieser Weißwein aus den Rebsorten Semillon und Chardonnay hierzulande bereits jetzt frisch auf die Flasche gezogen in den Kaufregalen. Beide Rebsorten haben einst aus Frankreich ihren Weg auf den fünften Kontinent gefunden. Laut Werbetext verleiht Semillon „dem Wein Frucht und Aromenfülle, Chardonnay gibt ihm Körper und Struktur.“
Dieses Versprechen lässt sich im Antrunk nicht nachvollziehen. Der Wein wirkt etwas körperarm, recht flach und parfümiert. Die Bittertöne auf der Zunge machen ebenfalls wenig Spaß. Der Abgang könnte länger ausfallen. Schade, denn die Steinobst-Zitrus-Aromatik im Duft hat gefallen. Ein mit den modernen Mitteln der Kellertechnik produzierter, irgendwie „künstlich“ schmeckender Wein, der leider wenig überzeugend ausgefallen ist. Keine Empfehlung.

2008 Torres Titanes Crianza alc. 14% 6,99€
Miquel Torres, der Pionieren des spanischen Qualitätsweinbaus, hat mit dieser Cuveé aus den Traubensorten Garnacha, Cariñena und Syrah einen gut gemeinten, sauber gemachten, aber nicht weiter anspruchsvollen Wein produziert. Titanes ist eine Crianza, der erst im dritten Jahr nach der Ernte auf den Markt gebracht wird und mindestens sechs Monate in Barriquefässern ausgebaut wurde.
Volle Nase von Brombeere, Rösttönen, Vanille und Minze. Auf der Zunge präsentiert sich der Titanes trinkig und sauber. Die schöne Würze der Cariñena Traube haben die Kellermeister gut herausgearbeitet. Dezente Röst- und Vanilletöne verschmelzen mit der Frucht zu einem schon ins Süße schlingernden Kompott von Brombeeren und Pflaumen. Der Alkohol bestimmt etwas prominent den mittellangen Abgang. Am zweiten Abend aus der Flasche schiebt sich eine etwas isolierte Vanillenote in den Vordergrund. Fazit: Ein sauber produzierter, gefälliger Wein, der Trinkspaß bereitet, aber keine Bäume ausreißt und für den Preis in Ordnung geht.

2005 Barolo Terredavino Riserva alc. 13.5% 9.99€
Hier haben wir ein ganz anderes Kaliber im Glas. 100% Nebbiolo Traube. Drei Jahre Fassreife. Schönes Granatrot. Die komplexe Nase ist geprägt von Kirsche, Vanille, Kräutern, Lakritze und etwas Kakao.
Im Antrunk stehen Kirschfrucht, lebendige Säure und überraschend feine Tannine bereits in einem ausgewogenen Verhältnis. Am zweiten Abend aus der geöffneten Flasche zeigen sich Anklänge von Schokolade und laktischen Tönen. Der Abgang fällt recht lange aus und wird dominiert von der Kirschfrucht und Kräutrigem, wobei sich der Alkohol nie unangenehm in den Vordergrund schiebt. Der Wein scheint insgesamt noch nicht recht zusammen zu sein. Die einzelnen Elemente changieren im Gaumen, treiben ein interessantes Spiel auf der Zunge und konkurrieren dabei um die Aufmerksamkeit. Das erinnert an ein Orchester mit erstklassigen Musikern, die alle die „erste Geige“ spielen wollen, aber von einem homogenen Orchesterklang noch weit entfernt sind. Am besten den Wein dekantieren, oder einfach für die nächsten 5 Jahre in den Keller legen und vergessen. Dieser Wein wurde auf der Berliner Wein Trophy mit einer Goldmedaille ausgezeichnet, was ich absolut nachvollziehen kann. Ein sehr schöner Barolo zu einem phantastischen Preis. Diesmal hat Aldi alles richtig gemacht. Dringende Kaufempfehlung!

2006 Chateau Marquis D´Alesme Becker 3. Cru Classé Margaux alc. 13% 19,99€
60% Cabernet Sauvignon, 17% Cabernet Franc, 15% Merlot und etwas Petit Verdot ist die Zusammensetzung dieses Bordeaux. Der hohe Cabernet Anteil drückt dem Wein seinen Stempel auf. Hier haben wir ein Getränk vor uns, das verstanden werden will, das man sich „erarbeiten“ muss. Dekantieren ist Pflicht, da der Wein gerbstoffbetont, charakterstark und leicht bitter daherkommt. Nichts für hastige „Neue-Welt-Trinker“, die Frucht steht anfangs noch im Hintergrund des Geschehens. Auch nach einer Stunde in der Karaffe ändert sich daran wenig. Das stoffig-grippe Mundgefühl bleibt ebenfalls erhalten.

Die „Slow-Food-Variante“, also den Wein bei geöffneter Flasche über mehrere Tage zu verkosten, ist in diesem Fall die interessantere Variante, die ich mit der anderen Hälfte der Flasche ausprobiert habe. Hier zeigen sich am 3. Tag neben der typischen Cabernet Würze vollkommen neue Aromen in der Nase, die in Richtung Nelken, Kardamom und Muskatnuss gehen. Auch kommt am Gaumen die dunkle Brombeerfrucht zu ihrem Recht, die mit der Säure jetzt in guter Balance steht und die Tannine erscheinen deutlich gezügelt. Spannend.
Der Aldi Bordeaux kann noch locker 5-7 Jahre auf der Flasche reifen und erscheint im Preisvergleich mit z.B. C&D für 20€ nicht zu teuer. Ein Wein für Kenner und Geduldige.

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8 thoughts on “Alle Jahre wieder: Weinschnäppchenalarm bei ALDI

  1. Vielen Dank für den Tipp.

    Ich frage mich nur ob die Weine aus ALDI authentisch und gut sind, ob alle Transport und Lagenbedienungen (was für Wein sein wichtig ist) eingehalten worden sind. Klar, kann man eine Flasche Chateau Marquis D´Alesme Becker kaufen aber ich werde auf keinen Fall einen ALDI-Wein 5-7 Jahre reifen lassen. Natürlich ist alles nur meine persönliche Meinung.

    P.S Der Preisvergleich-Link ist nicht relevant, da man die Jahrgänge 2006 und 2009 nicht vergleichen kann.

  2. Hallo alphafuchs,

    danke für das Feedback.

    Für das normale Weinsortiment bei ALDI stimme ich Deiner Meinung zur Lagerfähigkeit vorbehaltlos zu.

    Bei dem besprochenen Angeboten handelt es sich aber nicht um die üblichen ALDI Weine. Die Weine treten vielmehr mit einem höheren Anspruch an, was sich auch am Preisschild ablesen lässt. Zehn (Barolo) oder zwanzig Euro (Bdx) pro Flasche sind selbst im Fachhandel kein “Pappenstiel”.
    Mit der Lagerfähigkeit verhält es sich im Falle dieser beiden Weine deshalb etwas anders. Sie sind, was mein Dafürhalten angeht, wirklich authentisch und besitzen, Dank stabilem Säure- und Gerbstoffgerüst, das Potential zur Flaschenreife.

    Zum Preisvergleich:
    1. Bei weniger renommierten Bdx-Weinen wie den Deuxièmes / Troisièmes passiert preislich zwischen den Jahrgängen nicht allzu viel.
    Quelle: http://www.vinograph.de/
    2. Wenn der qualitativ sehr heterogen bewertete 2009er Marquis D´Alesme Becker bei ca. 24€ steht, sind die 20€ im indirekten Vergleich für den laut Preisindex nur geringfügig günstigeren 2006er meiner Meinung nach in Ordnung.

  3. Ich hatte nur den 2007er Latria und den 2006er Baron de Escal herausgefischt, aber auch hier einen sehr positiven Eindruck (vgl. http://oinophilist.blogspot.com/2011/12/vor-weihnachten-bei-aldi-auf-wein.html). Spannend, dass Sie den Barolo so hervorheben – die Baroloauswahl von ALDI(-Nord) wurde ja gerade von Jens Priewe abgewatscht.(http://www.weinkenner.de/2011/vorsicht-schnaeppchen-diesmal-kein-weihnachtsspass-mit-aldi-weinen-19277/).

    Von Marquis D´Alesme Becker hat man ja in den letzten Jahren nicht gerade viel (Positives) gehört. Ich denke, dass es zwischen 15 und 20 Euro im einschlägigen Handel eine Riesenauswahl spannender Bordeaux gibt. Dieses Aldi-Schnäppchen braucht nun wirklich keiner.

  4. @ alphafuchs
    Was Transport- und Lagerbedingungen betrifft ist es bei mindestens zwei der Weine unbedenklich. Wolf Blass und Torres (scheint auch so eine Art Sondernummer für Aldi zu sein) haben den gleichen Importeur, der zudem aus meiner Sicht recht professionell ist.

    Generell setzt Aldi auf einen schnellen Warenumschlag. Das gilt für das schmale Normalsortiment wie für diese Weihnachtsposten. Damit ist eine wesentliche Fehlerquelle in Supermärkten und schlechten Fachhändlern ausgeschaltet, nämlich Lagerung im warmen und hellen Laden. Das spricht nicht für Discounter. Ganz und gar nicht (ich habe da in der Vergangenheit wenig gefunden was mich überzeugt; Chablis Premier Cru ohne weitere Angabe und unter Fantasienamen sind eben meistens Mist). Es zeigt aber, dass die in einigen Bereichen gut arbeiten.

  5. Pingback: An Weihnachten sollst du auf den Wein achten! « Drunkenmonday Wein Blog

  6. Weihnachten ist ja nun auch vorbei und ich habe dieses Jahr tatsächlich einen Wein bei ALDI gekauft. Nämlich den 2005er Barolo. Und siehe da, er war ziemlich gut für seinen Preis! Ein echter Gaumenschmaus, der auch Weinanfängern schmecken sollte.

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